Trend: Hochsitz statt Heimkino

Ausgestattet mit Gewehr und Fernglas streift Irina Horvarth durch die Wälder der Region.

Bergisches Land Eingekuschelt auf dem Schoß seiner Mutter steckt Sammy die Nase in ein Buch. Der Achtjährige liest konzentriert vor. Seine Mutter lächelt. „Kannst du mal die Leber halten?“ steht auf dem Cover. Ein Titel, von dem manche Eltern wohl die Finger lassen würden, um ihre Kinder nicht zu verschrecken. Irina Horvath sieht das ganz anders.

„Ich will, dass meine Kinder realistisch erzogen werden“, sagt die Overatherin gelassen. Im Buch geht es um die Welt und die Natur, über Werden und Vergehen, über Leben und Sterben. Und es geht um die Jagd. Im September hat die 35-jährige Mutter von zwei Kindern erfolgreich ihre Jagdprüfung abgelegt. Damit liegt sie im aktuellen Trend. „Im Moment haben wir eine extrem hohe Nachfrage nach der Ausbildung“, sagt Manfred Kind, Vorsitzender der Kreisjägerschaft in Oberberg. „Vor allem der Frauenanteil ist signifikant gestiegen.“ Von 35 Teilnehmern im aktuellen Kurs sind elf Frauen. Im Rheinisch Bergischen Kreis ist es ähnlich. „Auch nehmen erstaunlich viele junge Leute teil“, berichtet Ralf Huckriede von der dortigen Kreisjägerschaft.

Irina Horvath arbeitet seit sieben Jahren als Erzieherin im Waldkindergarten Rösrath. „Vorher konnte ich eine Buche nicht von einer Eiche unterscheiden“, sagt sie. Sie wollte mehr wissen über die Natur, viel mehr. Sie machte Fortbildungen, lernte viel – und vergaß viel wieder. „Es fehlte einfach die Praxis“, sagt sie. Immer wenn die „Rollende Waldschule“ der Hegeringe Rösrath und Overath den Kindergarten besuchte, stellte sie fest, dass Jäger sich besonders gut mit all dem auskennen, wofür sie sich interessierte. Sie recherchierte, fand die Inhalte der Jägerausbildung immer spannender und nach einem Info-Abend meldete sie sich zum Kurs an.

In der Natur tätig werden zu wollen, wird oft als Motivation für die Ausbildung genannt. Die Gesellschaft verändert sich und findet immer häufiger vor einem Bildschirm oder auf dem Sofa statt. „Als ich das erste Mal allein auf dem Hochsitz war, war das für mich wie ein spannender Kinofilm“, sagt Irina Horvath. Das „grüne Abitur“, wie die Jägerprüfung aufgrund ihres Anspruchs genannt wird, legt die Grundlagen dafür, diesen Film zu sehen und zu verstehen. „Aber das ist nicht mal eben so gemacht“, sagt Horvath. Einmal in der Woche besuchte sie drei Stunden den Kurs, dazu an zehn Wochenenden das Schießtraining. Wildbiologie, Wildhege, Wildkrankheiten, Wildschadenverhütung, Naturschutz, Tierschutz, Land- und Waldbau – die Liste der Themen für die dreitägige Prüfung am Ende ist lang.

Zur Natur gehört für Irina Horvath auch das Verhältnis zu dem, was auf den Tisch kommt. Ihre Großeltern hatten in Kasachstan einen Bauernhof. „Das war für mich die schönste Zeit auf Erden“, sagt sie. „Zwei Kühe, warme Milch und jeden Tag Ostern, wenn wir Eier suchten. Wir wussten, wo das, was wir gegessen haben, herkam.“ Während bei verpacktem Fleisch in der Kühltheke der Bezug zum Tier immens schwindet, ist dem Jäger bewusst, wie das Tier im Ganzen aussieht – und auch wie er es in seine Einzelstücke zerteilt. Näher dran geht nicht. Das ist das eine. Das andere formuliert Tochter Fiona (9): „Die Rehe hatten ja ein schönes Leben. Ein viel besseres als die Kälbchen.“ Die Nachfrage nach biologischen Lebensmitteln spielt bei der neuen Generation Jäger eine große Rolle. „Das ist heute komplett anders als vor 30 Jahren“, sagt Ralf Huckriede. „Wildbret gilt als hochwertiges Nahrungsmittel, das man guten Gewissens auf den Tisch stellen kann.“

Nach wie vor kommen auch viele über Familie und Freunde zur eigenen Ausbildung, andere, insbesondere Frauen, neuerdings über den Hund. Der Wunsch, seinen eigenen Hund zum Jagdhund auszubilden, mündet immer häufiger in einer Jägerausbildung. Als nicht relevant sehen die Ausbilder hingegen das Motiv, eine Waffe besitzen zu wollen. Vor 20 Jahren sei das noch eher ein Thema gewesen. Zum einen ist die Ausbildung anspruchsvoll und zeitaufwendig, zum anderen mit 1.500 bis 2.000 Euro auch eine nicht unerhebliche Investition. Darüber hinaus, so Kind, gilt: „Sogenannte Schießer sind in der Jägerschaft völlig verpönt.“

Dass das Jagen kein „mörderisches Hobby“ ist, sondern mit Aufgaben verbunden, die weder mit Schießlust noch mit Gaumenfreuden zu tun haben, darüber klärt die Jägerschaft unermüdlich auf. „Wenn Rehe und Hirsche nicht bejagt werden, richten sie, besonders im Winter, erhebliche Waldschäden an“, sagt Huckriede. Gleiches gilt für Wildschweine, die Wiesen und Felder in einer Nacht mal eben komplett umgraben können. Bei der Hege ist es das Ziel, die natürliche Auslese über detaillierte Abschusspläne nachzubilden. „Der Wolf fängt fast ausschließlich Jungtiere“, erklärt Huckriede. Auch in den Abschussplänen steht bei Jungtieren ein hoher Prozentsatz. Die Pläne sind einzuhalten und zu dokumentieren.

Nicht nur weil Wölfe im Bergischen eher selten sind, hält Irina Horvath dem Argument mancher Tierschützer, der Bestand würde sich auch ohne menschlichen Eingriff regulieren, entgegen. Der Zug sei sozusagen abgefahren. „Die Tiere können sich doch längst nicht mehr natürlich entfalten“, sagt sie. „Wir mähen die Felder, wir schränken ihren Lebensraum ein, wir überfahren sie mit Autos.“ Die Sprache kommt auf vom Mähdrescher geschredderte Kitze und von Autos angefahrenes Wild. Bei Wildunfällen wiederum ist es der Jäger, der aus dem Bett steigt, um ein verletztes Tier zu suchen. Rechtlich verpflichtet ist er dazu nicht. „Aber moralisch“, sagt Ralf Huckriede. „Ich könnte nicht ruhig schlafen, wenn ich wüsste, dort irrt ein verwundetes Reh umher.“

Im Übrigen spielt die Natur, wird sie sich selbst überlassen, von sich aus kein Heile-Welt-Rührstück. Bei allen Wildtieren besteht die Gefahr von Seuchen. „Ist etwa die Fuchsdichte lokal zu hoch, hat die Räude leichtes Spiel, sich zu verbreiten“, berichtet Huckriede. Für die Tiere eine Quälerei. Sie leiden und gehen qualvoll ein. „Die meisten wissen auch gar nicht wie ein Reh stirbt, wenn man es der Natur überlässt“, sagt Irina Horvath und erklärt es: „Mit zunehmendem Alter fallen ihm die Zähne aus und es verhungert. Da finde ich den perfekten Schuss besser.“

Doch bis zu diesem ist es ein steiler Weg für den angehenden Jäger. „Schießen spielt im Gesamtpaket der Ausbildung eine sehr elementare Rolle“, sagt Manfred Kind. Waffentechnik, sichere Handhabung, Gebrauch und Pflege der Jagdwaffen sowie Waffenrecht sind Teil der theoretischen Ausbildung. Die Praxis wird am Schießstand erlernt und muss dort auch für Jagdscheininhaber regelmäßig trainiert werden.

Zum Zeitpunkt des Interviews hat Irina Horvath noch nie auf ein Tier geschossen. „Ich weiß: Erst wenn ich den warmen Körper fühle, werde ich wirklich verstehen, was ich da tue“, sagt sie. „Vielleicht schieße ich dann nie wieder.“ Wenn doch, wovon sie ausgeht, geht es immer noch um Leben und Tod oder gegebenenfalls um Leiden vor letzterem. „Ich habe einen riesigen Respekt vor Waffen“, sagt sie, „und es ist für mich immens wichtig, dass der Schuss sitzt.“

Die Kreisjägerschaften sehen ihre Mitglieder durchweg auf hohem Niveau. „Im Normalfall hört das Tier den Knall vom Schuss nicht mehr“, sagt Huckriede. Irina Horvath wird lange warten, beobachten und nicht auf flüchtendes Wild schießen. Sie wird abschätzen, in welchem Zustand das Tier ist und eine Vielzahl weiterer Faktoren berücksichtigen. „Wenn man sich nicht sicher ist, dann lässt man den Finger gerade“, sagt Huckriede. „Der Jäger hat ein Privileg, eine Schusswaffe zu benutzen. Dieses Privileg ist eine hohe Verantwortung, der er gerecht werden muss.“

Ihre Waffe hat Irina Horvath noch nicht ausgesucht. „Ich bin anatomisch nicht so dafür gemacht“, sagt die zierliche Frau.„Im Stehen muss ich viel Kraft aufwenden.“ Im Hinblick auf den perfekten Schuss muss die Waffe zum Träger passen. Die Beratung erfahrener Büchsenmacher und Jäger ist wichtig.  Doch auch die Industrie stellt sich darauf ein, dass es immer mehr Frauen unter den Jägern gibt. Sie produziert kürzere, höher geschnittene Schäfte und Pistolengriffe für kleinere Hände – nicht abgespeckt, nur angepasst.

Sammy legt das Buch mit der Leber zur Seite. Dass seine Mutter demnächst eine Waffe haben wird, findet er aufregend. Sehen wird er sie nur in ihrer Hand. Der Waffenschrank ist bereits eingebaut: 150 Kilogramm, von innen im Boden verankert, Zahlenschloss mit sechs Stellen. „Sicherer geht’s nicht“, sagt Irina Horvath.

Karin Grunewald, Diplom-Kauffrau, arbeitet als freie Journalistin und Autorin. Seit 2009 schreibt und fotografiert sie für den Bergischen Boten. Ihre journalistische Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet. Sie wohnt in Rösrath.

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