Gags gegen den Schrecken

Viele kennen ihn noch als Murat aus der TV-Serie „Alles Atze“, inzwischen gehört Fatih Çevikkollu zu den etabliertesten Kabarettisten der Republik. Im Januar spielt er eine Vorpremiere seines neuen Programms FatihMorgana im Schauspielhaus Bergneustadt. Wir sprachen mit ihm über ernste Momente, besondere Erfahrungen und das letzte Aufbäumen der Hinterwäldler:

Bevor wir über dein neues Programm reden würde ich gerne einen Blick in deine Vergangenheit werfen: 1999 bist du bei Alles Atze eingestiegen, davor warst du klassischer Schauspieler, Studium an der Hochschule Ernst Busch, Ensemblemitglied am Schauspielhaus Düsseldorf. Wie bist du damals in der Comedy gelandet?

Das war ein einfaches Casting, ein regulärer Job als Schauspieler. Mein Agent hat angerufen, ich bin da hin gegangen und habe vorgesprochen.

Musstest du lange überlegen, so einen Job anzunehmen?

Die Wahrheit ist: Ich war gerade in der Ausbildung und der Job hat mir das Leben gerettet. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen dramatisch, ist aber im Prinzip so. Ich hatte ein wenig Geld gespart und bin nach Berlin auf die Schauspielschule, die ist zwar staatlich, aber man muss ja irgendwie leben. Und das Studium ist sehr intensiv, da bleibt wenig Zeit, um was nebenher zu machen. Irgendwann wurde das Geld immer weniger und der Monat immer länger. Und der Job hat mich finanziell aus dem Gröbsten rausgeholt.

Wie blickst du heute auf die sechs Jahre Alles Atze zurück?

Da blickt ich sehr positiv drauf zurück. Das Format Alles Atze ist eine sehr, sehr clevere, sehr gut gebaute deutsche Geschichte. Keine Kopie aus England oder so was in der Art, sondern wirklich von hier. So ein typischen Kleinstadt-Arbeiter-Milieu-Biotop mit Dingen, die es halt hier gibt: Kiosken, so einem Typ mit seiner Freundin, sein Kumpel, der Getränkelieferant, der nicht der hellste ist, der korrupte Bulle, der sich mit Käsebrötchen schmieren lässt. In dieser kleinen Welt wurde die große Welt verhandelt. Das war das geile an der Sendung. Und als Höhepunkt die Figur Atze Schröder, eine Ansammlung von Fehlern und Schwächen, sieht aus wie Hund, hält sich aber für den schönsten.

Und geht in jeder Folge trotzdem oder gerade deswegen als Sieger hervor.

Das war ja der Gag. Dass dieser Komplettversager am Ende immer als strahlender Gewinner dasteht. Und der bekommt dann noch eine Figur zur Seite gestellt, die in der Gesellschaft eher außen steht, ein Türke, der nichts zu sagen hat.

Der Hauptfigur aber intellektuell weit überlegen ist.

Ja, das war auch wieder schön gebaut: Die einzige Figur, die alles mitschneidet und alles schnallt, ist der einzige, der aber auch gar nichts zu kacken hat. Und übrigens auch der einzige, der richtig Deutsch kann.

Wärst du ohne Alles Atze in der Comedy gelandet?

Ich glaube nicht. Ich habe ja Atze Schröder aus nächster Nähe sehen dürfen, wie er gewachsen ist und wie er das gemacht hat, auch auf der Bühne. Und davon war ich schon sehr begeistert. Dass man auf der Bühne nur das gesprochene Wort hat, ein Mann, ein Mikro, und der Saal tobt, das ist schon eine mehr als sportlich Aufgabenstellung.

Die du dann angenommen hast.

Genau das wollte ich auch machen, aber nicht so, nicht kostümiert und Sprüche klopfend, sondern anders. Schließlich habe ich ja auch eine andere Position in der Gesellschaft, ich bin ja nicht Mitglied der weißen, deutschen Mehrheitsgesellschaft, wenn ich auf die Bühne gehe, ist per se eine andere Spannung da und das hat auch immer gleich eine politische Dimension. Atze hat mich darin immer bestärkt. Und nachdem ich lange mit mir gerungen habe, habe ich dann 2004 am Schauspielhaus gekündigt.

2006 hast du dann auch direkt den Prix Pantheon gewonnen – in der Begründung hieß es damals, dir gelinge ein urkomischer Brückenschlag zwischen deinen beiden Kulturen. Nervt es dich manchmal, dass, egal, was du machst, deine türkische Herkunft immer eine Rolle spielt?

Nein, meine Abstammung nervt mich nicht.

Und dass das immer wieder eine Rolle spielt?

Nein, auch das nervt nicht. Es ist eher ein Zeichen dafür, wo wir gesellschaftliche stehen. Migration ist ja nun mal ein Thema, bleibt ein Thema und wird es wohl auch immer sein. Und eine pointierte Reflexion zu diesem Thema tut gerade in den jetzigen Zeiten Not. So lange von rechter Seite die multikulturelle Gesellschaft als Ursache aller Probleme dargestellt wird, was faktisch ja einfach falsch ist. Aber diejenigen, die sich davon bedroht fühlen, eine Minderheit, werden jetzt noch mal laut. Das ist quasi das letzte Aufbäumen der Hinterwäldler.

Du sprichst ja auch in deinem Programm darüber, dass man mit einem ausländisch klingenden Namen Probleme hat, eine Wohnung zu finden. Oder auch einen Job. Aber wie kann das sein, die Türken sind doch schon seit über 50 Jahren hier?

Das hat viele Gründe, ganz sicher auch, dass wir dieses Land nie als Einwanderungsland kommuniziert haben. Ich bin Jahrgang 72, der erste Kanzler, den ich mitbekommen habe, war Kohl. Als der 82 gewählt wurde, kam mein damaliger Fußballtrainer zu mir mir und sagte: „Fatih, sag deinen Eltern, sie sollen die Koffer packen. Kohl ist an der Macht.“ Ich hab den Satz damals nicht verstanden, aber dass wir kein Einwanderungsland sind, war ja Staatsdoktrin. Und wenn auch von der obersten politischen Stelle immer wieder kommuniziert wird, dass die irgendwann wieder zurück gehen, dürfen wir uns über so etwas nicht wundern. Und auch in den meisten Biografien von Menschen mit Einwanderungshintergrund gab es ja immer diese Idee, später wieder zurück zugehen. Das ist schon eine emanzipatorische Leistung der nächsten Generation zu sagen: Wie zurückgehen? Wie kann ich irgendwohin zurückgehen, wo ich noch nie war? Selbst wenn ich dahin gehe, ist das kein Zurückgehen.

Gibt es eigentlich Dinge, die du auf der Bühne sagen kannst, die ein Franz Müller oder Klaus Schneider nicht sagen kann?

Ich kann nur solche Dinge sagen, weil ich ja genau diese Erfahrungen mache. Wenn ich am Bahnhof stehe und mich jemand fragt, ob er mir den Weg zum Asylamt erklären soll, so was erlebt ein weißer, christlicher Mann ja nicht.

In jedem Kabarettprogramm gibt es diese Momente, wo dem Publikum wortwörtlich das Lachen im Halse stecken bleibt. In deinen Programmen sind diese Momente noch etwas häufiger und auch etwas heftiger, oder?

Ich sehe so wenig Programme von Kollegen, leider, deswegen kann ich das nicht beurteilen.

Aber setzt du das bewusst ein, dass du den Leuten, nachdem sie ein paar mal gelacht haben, ganz furchtbar einen vor den Latz knallst?

Das sind, glaube ich, die normalen Rhythmuswellen des Lebens. Nur auf die Fresse geht nicht, nur belanglos lustig aber auch nicht. Wenn man aber beides verwebt, dann wird es ein schöner Abend, wo man mitgenommen wird, wo man provoziert wird, wo mit einem kommuniziert wird. So stelle ich mir gutes Kabarett vor, dass du bewegt wirst, dass du geschüttelt wirst, dass du in den Arm genommen wirst.

Dazu müsste es im neuen Programm ja jede Menge Möglichkeiten geben. Mit FatihMorgana kümmerst du dich ums postfaktische Zeitalter, mit der neuen Rechten, den Populisten und ihren Fakenews. Wird es jetzt besonders ernst?

Ernste Momente gibt es natürlich, aber das muss ich dann noch leicht bekommen, damit es auch funktioniert. Für eine Aneinanderreihung ernster Momente kann ich auch zuhause bleiben und Nachrichten gucken. Meine Aufgabe ist es ja, das Geschehen pointiert zu kommentieren, damit die Zuschauer es befreiend auslachen können. Damit der Schrecken der gefühlten Bedrohung genommen wird mit einem gelungenen Gag.

Wie blickst du denn auf die Le Pens, Gaulands und Orbans dieser Welt? Machen die dir Angst oder sichern die dir als Satiriker nicht sogar dein Auskommen?

Das wäre ja echt zu egoistisch gedacht: So lange es schlecht läuft, habe ich genug gute Gags. Ich glaube vielmehr, dass die die Vorboten einer guten Zeit sind. Wir erleben zwar Rechte auf dem Vormarsch, aber das ist für mich nur das letzte Aufbäumen. Der letzte Kampf um die letzten Privilegien. Denn die Tage der Alleinherrschaft des mittelalten weißen Mannes sind gezählt. Es sitzen deutlich mehr am Tisch. Und die wollen auch das Menü mitbestimmen.

Wenn du am 20. Januar in Bergneustadt spielst, ist das erst der zweite öffentliche Auftritt mit deinem neuen Programm. Warum sollte man sich das ansehen?

Es wird eine Reflexion auf die Zeit sein. Dankeschön, ich bleib zu Haus. Nein, Spaß beiseite: Es werden Themen behandelt, die uns gerade beschäftigen.

Wie ist so ein neues Programm für dich? Freust du dich darauf oder hättest du gerne das alte noch was gespielt?

So ein Programm wird mit dem spielen ja immer besser. Deswegen ist es schon schade, dass man ein Programm, wenn es gerade sattelfest und geländegängig ist, ablegen muss und ein neues schreibt. Gleichzeitig ist es aber auch die Herausforderung, neue Themen anzugehen.

Eine Mischung aus Wehmut und Vorfreude?

Ja, das alte kann jetzt gehen und kommt alleine klar. Jetzt muss ich ein neues schreiben, damit es auch weiter geht.

Fatih Çevikkollu: „FatihMorgana“, Sa 20. Januar, 20 Uhr, Schauspielhaus Bergneustadt

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

Hinterlasse einen Kommentar