Interview mit Volker Kutscher: Gereon goes Glotze

Volker Kutscher

Er gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart: Volker Kutscher, geboren in Lindlar, aufgewachsen in Wipperfürth, viele Jahre Redakteur bei der Bergischen Landeszeitung, hat mit seinen Büchern über Kommissar Gereon Rath, einem Kölner, der gegen seinen Willen in Berlin landet, Bestseller geschaffen. Nun läuft mit „Babylon Berlin“ auf Sky eine Fernseh-Serie an, die auf dem ersten Roman basiert, produziert unter anderem vom Wuppertaler Regisseur und Produzenten Tom Tykwer (Lola rennt, Cloud Atlas, Das Parfum). Wir sprachen mit Volker Kutscher über die Serie, seine Hauptfigur und die Lust an der Recherche.

BB: Bevor wir über die Fernsehserie sprechen, müssen wir eine Sache vorab klären: Wie kommt ein bergischer Autor eigentlich auf die Idee, seinen Roman im Berlin der 1920er- und 30er-Jahre anzusiedeln?

Letztendlich habe ich ein Faible für Berlin seit ich Erich Kästner gelesen habe, also seit meiner Grundschulzeit. Später habe ich dann auch Berlin Alexanderplatz und die ganzen anderen Romane der neuen Sachlichkeit gelesen. Das hat mich gefangengenommen. Berlin war von Anfang an eine Stadt, die ich sehr mochte.

BB: Und warum dann ein Krimi?

Eigentlich wollte ich nur einen Roman schreiben, der sollte in den frühen 30ern angesiedelt sein, in einem Jahr wie 1931, als Deutschland noch halbwegs stabil war. Im Berlin der damaligen Zeit eine Krimi-Geschichte nach amerikanischem Vorbild anzusiedeln, fand ich eine reizvolle Sache. Und ich hatte vorher ja schon bergische Krimis geschrieben, das hat mir auch Spaß gemacht.

BB: Wie wurde dann daraus eine ganze Serie?

Als ich mir die ersten Gedanken gemacht habe, was für eine Geschichte das werden könnte, habe ich gemerkt, dass es in dieser Zeit viele spannende Settings gibt. Und sehr viele interessante Milieus, in die man eintauchen könnte. So entstand die Idee, besser gleich eine ganze Serie zu schreiben. Zumal ich es bei den vorherigen Romanen auch immer so ein bisschen schade fand, von all den liebgewonnenen Figuren wieder Abschied nehmen zu müssen, um für den nächsten Roman dann wieder neue zu entwickeln. Und als ich mir dann Gedanken über den zeitlichen Rahmen gemacht habe, in dem eine solche Serie spielen könnte, merkte ich irgendwann, dass ich unbewusst davor zurückschreckte, über 1933 hinauszugehen. Und mir wurde bewusst, dass das die Serie gerade spannend macht: Wenn man 1933 Polizist in Berlin war, ging das Leben danach natürlich weiter.

BB: Aber so ganz konnten Sie vom Rheinland doch nicht lassen, schließlich ist Ihre Hauptfigur Gereon Rath Rheinländer durch und durch.

Ja, das war relativ schnell klar. Vor allem aus zwei Gründen: Weil ich selber Rheinländer bin und eine Hauptfigur wollte, deren Mentalität mir so nah ist, dass ich mich in sie hineinversetzen kann. Vor allem aber, weil es jemand sein sollte, der von außen kommt und Distanz zur Berliner Welt hat. Deswegen auch der Name Gereon, damit ist der immer als Rheinländer zu erkennen.

BB: Eine der häufigsten Fragen, die Sie in Interviews gestellt bekommen, ist, warum Sie den Gereon so unsympathisch gemacht haben. Dabei finde ich den gar nicht so schlimm.

Er ist ja gar nicht nur unsympathisch. Er hat schlechte Seiten, weil er menschlich ist. Das war mir wichtig. Ich mag einfach keine Superhelden, also Protagonisten, die gar keine Fehler haben. Und wenn nur den, dass ihnen die Frauen zufliegen. Weil ich wusste, dass ich Rath über die Zeitenwende 1933 hinausschicke, war außerdem wichtig, dass er verführbar ist, dass er keinen politischen oder moralischen Kompass hat. Wobei er ja schon Moral besitzt. Er ist zwar ein Lügner vor dem Herrn und versucht sich immer irgendwie durchzulavieren, hat aber auch ein starkes Gerechtigkeitsempfinden.

BB: Was alle an Ihren Romanen loben, ist die Detaildichte und Informationstiefe, selbst Ur-Berliner können durch die Bücher noch neues über die Stadt und ihre Geschichte erfahren. Sie waren lange als Journalist tätig – kommt da der Redakteur in Ihnen raus?

Eher der Geisteswissenschaftler. Ein geisteswissenschaftliches Studium zeichnet sich ja dadurch aus, dass man denken lernt und lernt, an Informationen zu kommen. Vor allem aber kommt mir zugute, dass ich neugierig bin. Und dass ich mich für diese Zeit interessiere. Ich sehe das also nicht als zweckgebundene Recherche an, sondern mache das, weil ich neugierig bin. Vieles verwende ich gar nicht in den Romanen, weil es nicht passt. Aber ich sehe das nicht als vergebene Liebesmüh, weil ich es unabhängig von den Romanen als Bereicherung ansehe, mehr über diese Zeit zu erfahren.

Also keine lästige Pflicht?

Nein, das eigentlich Anstrengende ist das Schreiben. Weil es ja auch keine sofortige Befriedigung bietet. Erst wenn man eine Geschichte zum ersten Mal durcherzählt hat, und das dauert einige Monate, weiß man, ob es so auch hinhaut. Schon Hemingway wusste: Der erste Entwurf ist immer scheiße. Aber mit dem Bearbeiten kommt dann auch das Erfolgserlebnis.

BB: Um den ersten Gereon-Rath-Roman zu schreiben, haben Sie sogar Ihren Job als Redakteur aufgegeben.

Die bergischen Krimis, die ich vorher geschrieben habe, die konnte ich als Hobby nebenbei machen. Aber das Rath-Projekt mit der ganzen Recherche und der komplexeren Story — wenn ich das nebenher gemacht hätte, hätte ich zehn Jahre für ein Buch gebraucht.

BB: Das war aber eine durchaus mutige Entscheidung.

Die ich zwischendurch auch schon bereut habe. 2004 habe ich als Redakteur aufgehört, ein gutes Jahr später war das Manuskript fertig und ich hatte auch schon einen Agenten. Aber dann hat es noch mal eineinhalb Jahre gedauert, bis ich eine Zusage bekommen habe. Und in der Zeit habe ich ja nicht nur gewartet, es kamen ja auch Absagen. Motivierend war das nicht.

BB: Anfang Oktober läuft „Babylon Berlin“, die Serie nach Ihren Büchern, im Pay-TV an. Haben Sie eigentlich ein Sky-Abo?

Nö, habe ich nicht, aber ich werde eines bekommen. Außerdem hat X-Filme mich zu einem Screening eingeladen, und bei der Premiere in Berlin bin ich natürlich auch.

BB: Wie hat Ihnen das, was Sie bisher gesehen haben, gefallen?

Ich bin total begeistert. Selbst die Bilder, die noch nicht fertig waren, wo hinten noch der Green Screen zu sehen war, haben so eine Intensität und Atmosphäre, dass es mich sehr hoffnungsfroh gestimmt hat. Denn das ist mir auch in meinen Romanen wichtig, dass die Leser da reingezogen werden. Und das wird man in der Fernsehserie definitiv auch.

BB: Wie sehr waren Sie eigentlich in die Produktion eingebunden, haben Sie zum Beispiel die Drehbücher vorher gelesen?

Ich habe den ersten Drehbuch-Entwurf gelesen. Und davor habe ich mit Tom Tykwer und seinen Mitautoren Henk Handloegten und Achim von Borries gesprochen. Schon beim ersten Gespräch habe ich gemerkt, wie viele Ideen die haben, meine Geschichte in Bildern zu erzählen, und ihnen freie Bahn gelassen.

Aber die Drehbücher hätten Sie doch auch selber schreiben können, das haben Sie ja für die ZDF-Serie „Einsatz in Hamburg“ schon gemacht.

Ja, hätte ich, wollte ich aber nicht. Eigene Sachen zu adaptieren, finde ich schwierig, da ist man zu nah am Stoff dran. Ich habe Tom damals gesagt: Verratet meine Figuren nicht und behaltet den Tenor meiner Geschichte bei, dann dürft ihr so frei an den Stoff rangehen, wie ihr wollt. Warum sollte ich solche Leute auch in ihrer Kreativität einengen?

BB: Waren Sie also immer mit allem einverstanden?

Im ersten Drehbuchentwurf gab es ein paar Dinge, die mir nicht gefielen, was ich auch angemerkt habe. Und da ist dann prompt auch einiges geändert worden. Ich merke immer wieder, dass ich große Wertschätzung bei Tom und den Kollegen genieße, dass es ihnen sehr wichtig ist, mich im Boot zu haben.

BB: Im November ist der sechste Band aus der Reihe erschienen, drei sollten also noch kommen. Wann erscheint das nächste Buch?

Der bleibt im normalen Rhythmus, alle zwei Jahre, also im November 2018. Im Frühjahr kommt erstmal das Taschenbuch zu Lunapark. Aber ich war ja nicht ganz unfleißig: Am 5. Oktober erscheint ein weiteres Projekt, das ich zusammen mit der Illustratorin Kat Menschik gemacht habe: „Moabit“. Das ist im Grunde die Vorgeschichte von Charly, der großen Liebe von Gereon Rath, drei Kurzgeschichten, die zusammen eine Erzählung ergeben, wunderschön illustriert von Kat.

BB: Wie geht es denn mit Rath weiter? Ursprünglich hatten Sie ja mal gesagt, mindestens bis 1936 zu machen, bis zu den Olympischen Spielen.

Das war der ursprüngliche Plan, acht Bücher zu schreiben. Ich werde aber wohl bis 1938 erzählen, weil ich mit einem wirklich dunklen Jahr aufhören möchte. 1936 wurde Himmler Chef der Polizei und die Kriminalpolizei verschmolz immer mehr mit der SS. Das wird dann ein Apparat, in den Rath  bestimmt nicht mehr hineinpasst.

Und was wird aus Gereon Rath?

Das weiß ich noch nicht. Ich weiß noch nicht einmal, ob er die Reihe überleben wird. Er wird auf jeden Fall 1936 aus dem Polizeidienst ausscheiden. Entweder selber oder wahrscheinlicher ist, dass er irgendwie rausgemobbt wird. Im letzten Band wird er also eher aus privaten Motiven ermitteln. Vielleicht merkt er, dass er auf der Abschussliste steht. Vielleicht muss er auch um sein Leben fürchten und untertauchen oder emigrieren. Das ist alles noch sehr offen.

BB: Es ist also nicht wie bei „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling, dass das schon alles zu Beginn der Reihe feststand?

Nein, leider nicht. Meine Serie entwickelt sich von Roman zu Roman.

Babylon Berlin, die Serie nach dem Roman „Der nasse Fisch“, läuft seit dem 13. Oktober auf Sky. Ab dem 24. November stehen alle Folgen zum Abruf, zum Beispiel per Sky Ticket, zur Verfügung, im Herbst 2018 läuft die Serie in der ARD.

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

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