Die Reise der Phantasie

„Guten Abend, meine Damen und Herren, wir begrüßen Sie zur Tagesschau. Hier die wichtigsten Meldungen: Washington. Die Privatbibliothek von Donald Trump ist abgebrannt. Beide Bücher wurden zerstört. Das Tragische; eines der Bücher war noch nicht ausgemalt.“

Leider hat dieser Witz einen bitteren Hintergrund. Eine der zahlreichen Analysen, warum dieser Präsident ein solch unsägliches Bild von sich gibt, ist die Tatsache, dass er nicht liest. Er hält sich vollkommen von Büchern fern. Und das schon sein ganzes Leben lang. Im selben Artikel aus dem ich diese interessante Information habe, erfuhr ich, dass George W. Bush darauf bestand, nach 23 Uhr keine Termine mehr zu haben. Nicht um im Bademantel zu twittern, sondern – um zu lesen. Er war ein regelrechter Büchernarr und deshalb im Vergleich zu seinem Nach-Nachfolger ein gebildeter und belesener Mensch. Wer hätte gedacht, dass sich die Welt einmal nach George Bush zurücksehnt?

Ich habe es an dieser Stelle schon einmal erzählt, aber man kann es nicht oft genug schildern. Das Smartphone meiner Kinderzeit war die Borromäus-Bücherei in Wipperfürth. Immer sonntags nach dem Hochamt betrat ich voller Erwartung die Räume dieser Schatzkammer und brachte die Buchschätze nach Hause in die Gaulstrasse. Immer in der Hoffnung, dass es regnen wird, denn dann fiel der öde Sonntagsspaziergang aus und der kleine Willibert konnte eintauchen in die Zauberwelt der Bücher. Ich jagte mit Käptn Ahab den weißen Wal. Wartete mit Robinson auf Rettung. Ich zitterte, wenn John Silver mit seinem Holzbein im Nebel von London nahte, „Tock-Tock-Tock“, und las doch weiter um die Schatz-Insel zu finden. Ich liebte die „5 Freunde“, Richard, Julius, Anne und Georgina, die sich nur George nennen ließ, weil sie ein Junge sein wollte. Und ihren treuen Hund Tim. Hotzenplotz und Petrosilius Zwackelmann, Kater Mikesch und Bobesch, Jim Knopf und Lukas, Grischka und sein Bär, die Kinder von Bullerbü und Onkel Melcherson von Saltkrokan, die kleine Hexe und das kleine Gespenst, Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Ibn Hadschi al Gossara und der Schut. Sie alle waren meine Gefährten auf der aufregendsten Abenteuerreise der Welt. Auf der Reise der Phantasie! Alle diese Bücher, und noch unzählige mehr hatten eines gemeinsam: Sie waren unglaublich spannend und unterhaltsam. Dann aber kamen die 70er-Jahre, und Kinderliteratur durfte nicht mehr fantastisch sein. Das war ja Weltflucht. Nein, Kinderliteratur musste gesellschaftskritisch sein. „Ene-Mene-Miste, es rappelt in der Kiste!“ Entsetzlich! Furchtbar trocken und laaaangweilig. Dabei sagte schon der Meister-Regisseur Billy Wilder: „Bei einer guten Story gibt’s nur drei Regeln: 1. Du darfst nicht langweilen. 2. Du darfst nicht langweilen. 3. Du darfst nicht langweilen.“

Diese elementare Grundvoraussetzung wurde von den modernen Kinderbuchschriftstellern permanent missachtet. Und leider auch noch heute. Man schaue sich nur einen „Tatort“ an. Wenn er nicht gerade in Münster spielt, ist es meistens kein spannender „Who-has-done-it“-Krimi, sondern ein Oberlehrer-Seminar in Gesellschaftskritik. Brrrr! Dabei geht doch beides. Anspruchsvoll UND spannend unterhaltsam. Siehe die Gereon-Rath-Krimis des Wipperfürthers (!) Volker Kutscher. Sie spielen ja im Berlin der 30/40er Jahre. Da fällt mir ein Witz ein: Ein Berliner Gauner steht wegen Messerstecherei vor Gericht. Dort aber klärt er das hohe Tribunal über die wahren Umstände auf: „Also, dit war janz anders. Ick steh an der Ecke un mach mit meinet Messer meine Fingernäjel sauber. Un wat soll ick saren. Kommt dit arme Opfer um die Ecke, wa, stolpert un fällt jenau in meinet Messe rin, wa. Und det sieben Mal!“

Der bergische Jung
Willibert Pauels

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.

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