Roots – Die Wurzeln der Freiheit

Mein Kollege und Freund Eckart von Hirschhausen erzählte mir folgenden bitteren Witz: Willy Brandt und Erich Honecker treffen sich. Sagt Willy Brandt: ´Ich habe ein interessantes Hobby. Ich sammel alle Witze, die die Menschen über mich erzählen.´ Antwortet Honecker: ´Bei mir ist es umgekehrt. Ich sammel alle Menschen, die Witze über mich erzählen.´ Alle Diktatoren verfolgen die Witzemacher. Warum? Die Antwort gibt der blinde Mörder-Mönch aus „Der Name der Rose“ von Umberto Eco: „Weil das Lachen die Angst vertreibt.“ Und da alle Diktatur, sei es politische oder religiöse, mit terroristischer Angst arbeitet, ist der Humor, wenn er sich über die jeweilige Ideologie auslässt, der natürliche Feind. Und, haben denn dann die Religionskritiker nicht recht, wenn sie alle Glaubensrichtungen ablehnen?

Es kommt drauf an. Wenn Religion mit Angst arbeitet, dann haben sie Recht. Dann macht Religion krank, bis hin zum blutigen Terrorismus. Religion kann aber auch heilend und tröstend sein. Und zwar immer dann, wenn sie zur inneren Freiheit führt. All diese Gedanken gingen mir durch den Sinn, als ich von der neuesten Berliner Posse erfuhr. Nein, diesmal meine ich nicht die „ewige Baustelle“ des Flughafens, sondern eine andere. Zur Erklärung: Vor 10 Jahren wurde demokratisch beschlossen, das alte Stadtschloss, mitten in der Hauptstadt original wieder aufzubauen. Gut so. Dazu gehört auch die Kuppel, gekrönt von einem goldenen Kreuz. Auch gut. Dann aber fiel der Links- und der Grünen-Fraktion im Senat ein, dass ein christliches Kreuz doch intolerant gegenüber anderen Religionen sei. Deshalb gehöre das Kreuz auf der Kuppel entfernt. Dieses Ansinnen erzeugte bei vielen, so auch bei mir, Schnappatmung.

Ich hab gedacht: „Meine Fresse, wie kann man nur so doof sein!“ Erstens: Bei der mit fast religiösem Eifer permanent eingeforderten Toleranz fällt mir der zynisch-bittere Satz von Patrick Süsskind ein. „Toleranz, jene lauwarme Mischung aus Mitleid und Verachtung.“ Zweitens: Gerade die Grünen müssten doch am besten wissen, dass ein Baum unweigerlich verdorrt, wenn man die Wurzeln zerstört. Und das Kreuz ist nun mal ein, wenn nicht DAS Symbol abendländischer Kultur. Eine Kultur, aus der Aufklärung, Freiheit, Menschenrechte hervorgegangen sind. Selbst wenn ich Atheist oder Agnostiker bin, kann ich nicht leugnen, dass (mit Ausnahme von Japan) Demokratie ausschließlich in Ländern mit jüdisch-christlichen Wurzeln herrscht. Unabhängig davon, dass auch im Namen des Kreuzes barbarische Taten geschahen. Ich bleibe dabei: Das Kreuz ist – trotz aller dunklen Schatten – eine der Wurzeln der Freiheit. Nun wurden in der Diskussion umgehend Kompromiss-Vorschläge ausgebreitet.

„Wie wäre es mit einem Zeichen in dem Kreuz, Halbmond und David-Stern vereint sind?“ „Und wo bleibt dann der Hinduismus und Buddhismus der Atheismus und alle anderen Religionen?“, antworte ich. Geht also nicht. Dann lieferte der „Humanistische Weltbund“ seinen Vorschlag: „Ein vergoldetes Mikroskop auf der Kuppel.“ Da kann ich nur mit Loriot sagen: „Ach was!“ Dann wurde vorgeschlagen: „Ein Berliner Bär wär doch ein schöner Kompromiss.“ Und schon kommentierte die Berliner Schnauze: „Dann würd ick saren en Jummi-Bär.“ „Jenau, und Thomas Gottschalk macht dann mit Haribo die Einweihung.“ Was für ein erbärmlicher Eiertanz! Warum und woher dieser eigenartige Hass auf das religiöse Zeichen unserer abendländischen Kultur? Ich weiss es nicht. Die folgende Geschichte kann ich erzählen, weil sie nicht als Wahlkampf missdeutet werden kann. Denn die Hauptperson kandidiert nicht mehr für den Bundestag. 15 Jahre war Klaus-Peter Flossbach MdB für unsere oberbergische Heimat. Unlängst durfte ich ihn im Bundestag besuchen. Er zeigte mir beim Rundgang im Parlamentsgebäude auch „die Herzkammer“ des Hauses. Nein, nicht den Plenarsaal, sondern – die Kapelle. Sie ist natürlich überkonfessionell gestaltet, aber zutiefst spirituell.

Allein 15.000 (!) Schüler hat Flossbach im Laufe der Jahre durch unser Regierungshaus geführt, und allen zeigte er auch jenen Raum des Gebets. „Nicht ein Einziger blieb von meiner Deutung des spirituellen Ortes unberührt“, sagte er mir. Wie schön, wenn ein Politiker nicht religiöse Symbole von Kuppeln entfernen will, sondern die Wurzeln unserer Geschichte in die Seelen der nächsten Generation hinein legt. Und dazu gehört: Die Aufklärung UND die Religion. Die Freiheit Witze zu reißen über Jeden und Alles. Zum Beispiel: „Warum hat das Reichstagsgebäude eine Kuppel? Habt ihr schon mal einen Zirkus mit Flachdach gesehen?“

Denn im Garten des Lebens ist der Humor der beste Dung. Es lebe die Freiheit!, sagt Der bergische Jung Willibert Pauels

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als „Ne bergische Jung“ in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.

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