Freunde treffen sich – revisited: Niedecken, Gross, Boecker

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Bergisch Gladbach „In dieser Hose haben mir die Beine geschlottert, als wir im Vorprogamm der Rolling Stones gespielt haben und Tausende von Zuschauern ins Stadion strömten“, erinnert sich Manfred „Schmal“ Boecker. Neben ihm stehen lachend Wolfgang Niedecken und Rainer Gross und betrachten die sauber hinter Glas gerahmte, durchgeschwitzte, speckige Lederhose des Ex-Percussionisten von BAP.

Ja, das ist Kunst und es kann nicht weg! Die Arbeit hängt neben einem Konvolut weiterer Gemälde, Zeichnungen, Readymades, Polaroids und Devotionalien in der Villa Zanders. Die drei Künstler kennen sich seit Anfang der 1970er Jahre von der Kölner Werkschule, dem ewigen kleinen Bruder der Düsseldorfer Kunstakademie. Hier studierten sie gemeinsam Aktzeichnen bei Günther Strack  „Sie sollen einen Stein mit Schatten zeichnen, keinen Radiergummi mit Qualm“ und fotorealistische Malerei bei Dieter Krämer. Die damaligen Zeiten gehörten der Pop Art und die drei erklärten fast alles zu Kunst, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Respektlos, mit kölschem Humor gewürzt, deklarierten Sie Alltagsgegenstände zu Readymades. 1979 malten Boecker und Niedecken jeden Tag ein Bild auf kleinen Spanplatten. Penibel dokumentierten sie in mehreren Ordnern, was sie sich dabei gedacht hatten. Sie gaben ihren Freunden Auftragsformulare, auf denen diese ihre Wunschbilder bei den jungen Künstlern bestellen konnten. Niedeckenes Vater fragte seinen Sohn: „Kannste eijentlich och een Päd mole?“ Er konnte und der irgendwie wehmütig dreinschauende Rappe hängt jetzt neben anderen „Wunschbildern“ in Bergisch Gladbach.

Kuratorin Petra Oelschlägel hat die Kunst der drei Kölner aus ihren Anfängen in den 70er Jahren bis heute versammelt. Damals entstand vieles auf dem Weg zu sich selbst. Beim Versuch mit Hilfe der Kunst, sich einen eigenen Platz zwischen Protest und katholischem Elternhaus zu erobern. In vielen, auch späteren Arbeiten, zeigt sich diese Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Religion. Während für Niedecken, der Ablauf der Zeit wie ein roter Faden durchs Werk wandert, er hunderte von Polaroids seiner Auftrittsorte mit BAP aneinanderreiht, vergilbende Tageszeitungen aus Nicaragua mit Postkarten nach Köln kombiniert, widmet sich Gross großformatiger realistischer Malerei. Er interpretiert christliche, barocke Mythen mit kraftvollem Pinselstrich neu. Die Enthauptung des Johannes mutiert bei ihm auf drei mal zwei Metern zu der der „Behauptung der Moderne“. Das blutrünstige Meisterwerk, 1982 in seinem New Yorker Atelier entstanden, brachte seinerzeit Joe Cocker zum Schaudern. In Bergisch Gladbach korrespondiert es mit einer erstmals ausgestellten, wandgroßen Arbeit im Nebenraum, die 72 Mal den Namen Gottes in hebräischen Schriftzeichen in Acryl auf Büttenpapier interpretiert. Es sind drei Sätze aus dem Alten Testament, die sich wiederholen, erklärt Gross, „wie die Juden durchs Tote Meer gehen“ und eine Art Gebet „denn jeder muss durch sein eigenes Totes Meer gehen“.

Wolfgang Niedecken mit dem BAP-Altar.

Wolfgang Niedecken mit dem BAP-Altar.

Boecker behauptet sich mit dem trockensten Humor von den dreien. Sein Gemälde „Magic Glasses“ von 1975 zitiert in bester Lichtenstein Manier die Werbung des „Tina Versands“ für Röntgenbrillen, mit denen man Frauen durchs Kleid schauen konnte, inklusive verdruckter Fehlfarben. Die Arbeit schaffte es übrigens auch in das Booklet einer frühen BAP-LP. Boeckers Arbeiten sind gemalte Objet trouvés, Readymades oder wie der Kölner sagt „Ess fäädisch“: Gemalte Werbeanzeigen für Vanille Zucker und Strumpfhosen, Verpackungen von Modellfliegern und handgemalte Tapeten.

Die Wege der drei kölschen Künstler trennten sich früh. Als Niedecken und Boecker mit BAP erste Erfolge feierten und Tourneen und Studioaufnahmen kaum noch Zeit für bildende Kunst liessen, blieb Rainer Gross bei Vorbereitungen für seine Dokumenta Teilnahme in New York hängen, wo er bis heute lebt und malt. Er jammte in den Clubs mit Patti Smith und legte den Kölschrockern die erste Ramones-LP auf den Plattenteller. „Sensationell“, erinnert sich Niedecken an diese erste Begegnung mit Punk-Rock. Man hielt über all die Jahre Kontakt und besuchte sich gegenseitig. Als Gross 2012 seine erste große Retrospektive im Ludwig Museum in Koblenz feierte kam Niedecken zur Vernissage, sein erster öffentlicher Auftritt nach dem gerade überwundenen Schlaganfall.

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[tps_title]Blick in die Ausstellung[/tps_title]

Rainer Gross

Rainer Gross vor der Arbeit „72“, 2014

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Paul Kalkbrenner ist Herausgeber des Bergischen Boten. Der gelernte Schriftsetzer studierte in Köln Visuelle Kommunikation und arbeitete als Designer, Fotograf und Redakteur unter anderem für Musikexpress, Prinz und die Autozeitung.
In den 90er Jahren war er mit seiner Merchandising-Firma und T-Shirts wie „Keine Macht den Doofen“ erfolgreich. 2008 gründete er den Bergischen Boten. Er entspannt sich bei Gartenarbeit und ist leidenschaftlicher Musikfan. Er wohnt mit seiner Familie in Kürten.

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