Einkaufen beim Bauern

Rhein- und Oberberg Manchmal, vor allem in den Ferien, bekommt Andreas Klose Besuch. Unangekündigt meistens. Und trotzdem freut er sich darüber. „Oft sind das Oma und Opa, die mit ihrem Enkel in der Nähe spazieren waren“, sagt Klose. Und die dann mal schauen wollen, woher „ihr“ Ei eigentlich stammt.

Andreas Klose ist Inhaber des Hofes Alpermühle in Nümbrecht. 2.600 Bio-Legehennen gibt es hier zu versorgen. Außerdem werden hier die Eier von anderen Höfen sortiert und verpackt. Klose hat also genug zu tun. Und trotzdem nimmt er sich gerne Zeit für seine Gäste, auch die unangekündigten, wenn es denn irgendwie geht. „Ich finde das gut, wenn Menschen sich dafür interessieren, wo ihre Lebensmittel herkommen“, sagt er. Bis zu einer Stunde führt er die Besucher über seinen Hof, zeigt ihnen die Ställe und lässt die Kinder auch gerne mal mit anpacken beim Füttern oder Eiersuchen.

Das Interesse an der Herkunft von Lebensmitteln dürfte für die meisten Menschen der wichtigste Grund sein, regional einzukaufen. Am besten direkt beim Erzeuger. Die „landwirtschaftliche Direktvermarktung“, also das Einkaufen auf dem Bauernhof, gewinnt seit Jahren an Bedeutung. Verlässliche Zahlen gibt es kaum, doch während eine Studie der Uni Göttingen aus dem Jahr 2006 noch von 14.500 Direktvermarktern unter den deutschen Landwirten ausging, spricht das Bundeslandwirtschaftsministerium heute von bis zu 40.000.

Für viele Bauern liefert der eigene Hofladen – oder, vor allem im Oberbergischen, der eigene Verkaufswagen – längst einen wichtigen Beitrag zum Einkommen. Und damit zum Erhalt des Betriebes. „Das direkte Marketing ist für Erzeuger wichtig, um die Absatzprobleme für landwirtschaftliche Rohstoffe zu lösen und den Preiswettbewerb durch eine qualitätsorientierte Produktion zu verringern“, sagt die Studie der Uni Göttingen. Will heißen: Wer direkt am Hof kauft, guckt eher auf die Qualität als auf den Preis. Dadurch kann der Bauer selbst mit einem vergleichsweise kleinen Laden Geld verdienen.

So spricht auch Helga Trimborn vom Bauerngut Schiefelbusch am Rande von Rösrath von einem „zuverlässigen Einkommen“, weil man den Zwischenhandel zum Teil ausgeschaltet habe. Seit über 30 Jahren bewirtschaften Helga Trimborn und ihr Mann den Betrieb – „wir hätten damals auch nicht gedacht, dass das mal so groß wird“. Neben einem Café und einer Spielscheune lebt der Hof Schiefelbusch vor allem vom Verkauf von Fleisch direkt ab Hof. Und, sehr ungewöhnlich für die Region, vom Spargelanbau.

Ähnlich lange wie die Familie Trimborn ist der Hielscher-Hof in Leichlingen-Witzhelden in der Direktvermarktung aktiv. 1988 wurde hier das erste Geschäft eröffnet, damals noch im Wohnhaus. „Das war so klein, wenn da zwei Leute drin waren, war das voll“, erinnert sich Ute Hielscher. Heute betreiben Ute Hielscher und ihr Mann den Hof samt Käserei, einem Restaurant und einem deutlich vergrößerten Hofladen in der Scheune nebenan. Der größte Teil ihrer Produktion gehe nach wie vor an Wiederverkäufer, sagt Ute Hielscher. Doch auch der Hofladen rechne sich, trotz des erhöhten Personalaufwandes. Wichtiger als die Einnahmen sei aber der direkte Kontakt zum Verbraucher. „Wenn die Kunden hier auf dem Hof sind und Fragen haben und man denen dann was erklären kann, das ist unbezahlbar.“

Auch für die Kunden. Die darüber hinaus vor allem die Möglichkeit bekommen, bessere, verlässlichere Lebensmittel zu kaufen – während das Vertrauen in industriell erzeugte Produkte immer weiter sinkt. „Anonyme Produktionsstrukturen, die für den Konsumenten nicht überschaubar sind, werden häufig mit Umweltbelastungen, Geschmacks- und Qualitätseinbußen der Agrarprodukte und Missständen in der Tierhaltung verbunden“, stellte die Studie der Uni Göttingen schon vor über zehn Jahren fest. „Aufgrund eines ansteigenden Verarbeitungsgrades von Lebensmitteln“ gebe es „ein Bedürfnis nach mehr Nähe zum Ursprung der Lebensmittelerzeugung“.

Das Bergische als in weiten Teilen auch landwirtschaftlich geprägte Region hat da natürlich einiges zu bieten. An die 50 Einkaufsmöglichkeiten direkt beim Erzeuger listet zum Beispiel die private Webseite bergisch-regional.de auf – ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Es gibt Milchtankstellen, Saftkeltereien und Forellenzüchter, große Bauernläden mit einem umfangreichen Angebot und kleine Geschäfte, die sich auf ein, zwei Produkte spezialisiert haben.

Neben Exoten wie der Straußenfarm in Wermelskirchen-Emminghausen und großen Erzeugern, die vor allem für den Lebensmittelhandel produzieren und nur nebenbei ab Hof verkaufen, gibt es stellenweise auch die Chance, Produkte zu kaufen, die sonst nirgendwo mehr im Sortiment sind. Der Klosterhof Bünghausen in Gummersbach züchtet zum Beispiel Rotes Höhenvieh, eine vom Aussterben bedrohte Rinderrasse. Außerdem Bergschafe und Bresse-Hühner. Alles absolute Raritäten. Und das dann auch noch in Bio-Qualität, geschlachtet und vermarktet direkt ab Hof und ohne einen Kilometer Tiertransport.

Aus manch einem Betrieb ist gar eine Touristenattraktion geworden. So wie der Burscheider Thomashof, der nicht nur für seinen Käse und seine Milch bekannt ist, sondern auch regelmäßig von ganzen Reisebussen angesteuert wird. Oder der Krewelshof, der ziemlich genau auf der Grenze zwischen Rösrath und Lohmar liegt. An Schönwetter-Sonntagen tummeln sich ein paar hundert Besucher auf dem Hof und im dazugehörigen Café.

Theo Bieger führt den Krewelshof in der dritten Generation. Ende der 1990er Jahre übernahm er den Betrieb vom Vater – und stellte ihn von Geflügel und Weizen auf Obst um. Und einige Zeit später begann er, daraus den „Erlebnishof“ zu machen, wie man ihn heute kennt.

Trotz allem verstehe man sich vor allem als landwirtschaftlicher Betrieb, sagt Sabine Fusshoeller-Kleinert vom Krewelshof: „Wir produzieren selber, nur so können wir die Frische garantieren.“ Ähnlich wie bei Andreas Klose mit seinen spontanen Hofführungen wollen auch Theo Bieger und seine Leute ihren Kunden die Herkunft ihres Essens wieder näherbringen. „Bei Kindergeburtstagen gehen wir zum Beispiel mit den Kindern auf‘s Feld, pflücken dort Erdbeeren, die die Kinder danach zu Shakes oder Quark verarbeiten und direkt essen können“, berichtet Sabine Fusshoeller-Kleinert. Es gibt Führungen, Firmen-Events, Familienfeiern, Flohmärkte, das große Kürbisfest und im Winter eine Eisbahn, und ganz neu einen Hundetag. „Wir nennen uns ja nicht umsonst Erlebnishof“, sagt Sabine Fusshoeller-Kleinert. Zwar führe man keine Besucher-Statistik, aber der Erfolg sei offensichtlich. Deswegen haben die Biegers längst einen zweiten Hof gekauft, um ihn nach dem Vorbild des ersten umzugestalten.

Von diesen Dimensionen kann Axel Potthoff nur träumen. Zusammen mit seiner Frau züchtet Potthoff in Marienheide-Gimborn Highland-Rinder, die durch ihre spezielle Fütterung und dank des langsamen Wachstums ein besonders schönes, weil marmoriertes, Fleisch haben. Die Vermarktung erfolgt ausschließlich ab Hof, vor allem über den eigenen Laden, der nur von Ende März bis Ende Dezember geöffnet hat. Und zwar jeweils samstags von 9 bis 14 Uhr.

„Für mehr haben wir gar nicht genug Fleisch“, sagt Potthoff. 70 Tiere groß ist die Herde des Hofes Pentinghausen, genau 14 davon werden jedes Jahr geschlachtet. Das reicht gerade, um die Stammkunden zu bedienen, manchmal aber noch nicht einmal dafür: „Wenn wir nichts mehr haben, haben wir halt nichts mehr“, sagt Potthoff, der auch schon Anfragen von Öko-Händlern aus Köln hatte, die seine ganze Produktion aufkaufen wollten. Davon will der Landwirt, der unter dem Künstlernamen Alex Panter auch als Sänger auftritt, aber nichts wissen. „Das passt schon so, wie es jetzt gerade ist“, sagt er. Wachstum sei nicht vorgesehen.

Hochwertige, regional erzeugte Lebensmittel bleiben halt etwas besonderes. Was sich natürlich auch im Preis bermerkbar macht. Wenn Andreas Klose vom Hof Alpermühle aufzählt, was er seinen Hühnern alles zur Verfügung stellt, von unterschiedlichen Klimazonen bis zu erhöhten Schlafmöglichkeiten, wird auch klar warum. „Das ist halt der Unterschied, ob man in Köln-Chorweiler oder in Hahnwald wohnt“, vergleicht er die Tierhaltung seines Hofes mit der konventioneller Betriebe. „Und das kostet halt alles Geld.“ Dafür bekomme man mit dem Ei aber auch die Sicherheit, dass es dem Tier gut gehe. Und wer sich davon überzeugen will, kann sich das gerne selber anschauen. Gerne auch mit vorheriger Anmeldung.

 

 

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.