Aljasmin: Woher die Liebesschlösser stammen

Ohne sie wäre die Kölner Hohenzollernbrücke inzwischen unvorstellbar. Im ungarischen Pécs wurden extra von Künstlern gestaltete Zäune zur Befestigung aufgestellt. In Rom sind sie inzwischen verboten, nachdem unter ihrem Gewicht eine Laterne zusammengebrochen war. Und selbst in der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Hückeswagen hängen ein paar von ihnen an einer Brücke über die Wupper. Liebesschlösser haben sich in wenigen Jahren zum globalen Phänomen entwickelt.

Der Ursprung dieses Brauches, mit dem die ewige Liebe besiegelt werden soll, ist unklar. Allgemein wird angenommen, dass der Ausgangspunkt in Europa im italienischen Florenz liegt, wo Absolventen der Sanitätsakademie San Giorgio nach dem Abschluss ihrer Ausbildung die Vorhängeschlösser ihrer Spinde an einem Gitter des Ponte Vecchio befestigten. Später, so vermutet man, wurde dies von Verliebten in Rom übernommen. Die beiden Romane „Drei Meter über dem Himmel“ und „Ich steh auf dich“ von Federico Moccia verbreiteten den Brauch schließlich in der ganzen Welt.

Der eigentliche Ursprung liegt aber wohl in Babylonien, also einer Region, die sich etwa von der heutigen irakischen Hauptstadt Bagdad bis zum persischen Golf erstreckte. Dort in der spätbabylonischen Zeit (etwa 626 bis 539 v. Chr.) begannen die Menschen, Schlösser neben ihrer eigentlichen Funktion, vor allem der, die Tempeltüren zu verriegeln, auch mit übernatürlichen Eigenschaften zu belegen und mythisch zu nutzen.

Bereits in der vorislamischen Zeit versuchten „Magier“ ihre magische Kraft in das Innere eines Knotens zu blasen, diese „Knotenanbläserinnen“ sind sogar im Koran (113. Sure) erwähnt. Dies wurde später auch auf Schlösser übertragen.

Dazu gehört es zum Beispiel auch, die Wirkung von Schwüren mithilfe von Schlössern zu verstärken. Diese ursprünglich heidnische Praxis ist bis heute in einigen nahöstlichen Ländern zu finden. Wer etwas schwören oder von Gott erbitten will, besucht das Grab eines Heiligen, um dort eine Sure des Korans oder ein Bittgebet (“du’a”) zu zitieren und anschließend seine Bitte an Gott vorzubringen. Für die Erfüllung des Wunsches wird im Gegenzug ein Opfer angeboten, eine Spende an Arme zum Beispiel aber auch Fasten oder das eigenhändige Reinigen der Moschee. Dabei wird ein Schloss an dem Heiligengrab hinterlegt, verschlossen und der Schlüssel wird aufbewahrt, bis der Wunsch erfüllt und die Gegenleistung erbracht sind. Erst danach wird der Bittsteller von seinem Schwur befreit, indem er das Schloss öffnet und an sich nimmt. Von nun an darf dieses Schloss zwar weiter zum Verschließen aber nicht mehr für einen Schwur benutzt werden.

Den heutigen Liebesschlössern noch näher kommen dürfte der Brauch des so genannten Bindens oder auch Festbindens in der Ehe sein, der in einigen arabischen Ländern bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts praktiziert wurde. Dabei wurde dem frischgebackenen Ehemann direkt nach der Hochzeit von der Mutter der Braut ein Band umgebunden und mit einem Schloss fixiert. Erst wenn die junge Braut ihrer Mutter signalisierte, dass sie sich an die neue Situation und ihren Mann gewöhnt hatte, schloss die Mutter oder ein von ihr bestellter Vertreter das Schloss auf. Dies musste allerdings innerhalb von 40 Tagen nach der Eheschließung geschehen.

Neben der symbolischen Bedeutung dieses Brauchs, diente das Binden wohl auch dem Schutz der jungen Braut, die ja als Jungfrau in die Ehe ging und ihren Mann häufig erst während der Hochzeit zum ersten Mal traf. Erst nach dem Lösen des Bandes konnte die Ehe vollzogen werden, so dass die Ehefrau Zeit hatte, sich an ihren Ehemann zu gewöhnen, bevor es zum ersten Sex kam. Schloss und Schlüssel wurden danach in einen Fluss oder Bach geworfen.

Egal, woher der Brauch nun wirklich stammt und wie er sich verändert hat – was wirklich zählt ist, die Absicht, das, was auf Arabisch als Niyya bezeichnet wird: Werden Schlösser an einer Brücke angebracht mit dem Ziel, die Liebe zu festigen und ihr lebenslange Dauer zu verleihen, dann wird es auch genau so kommen.

von Bassam Al Shukri 

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