Wahre Liebe un der Dud

BAP ist mit dem neuem Album „Lebenslänglich“ auf  Tour und kommt im  November nach Gummersbach. Ein Gespräch darüber, wie Musik entsteht

Wolfgang Niedecken: Wie jeht et?

BB: Sollen wir jetzt über Krankheiten sprechen?

Wolfgang Niedecken: (Lacht) Jeder nur eine Krankheit.

BB: Mal im Ernst Wolfgang, wird man im Alter dankbarer?

Wolfgang Niedecken: Du meinst den neuen Song: „Dä Herjott meint et joot met mir“. Ja, auf jeden Fall. Wenn man jünger ist, ist alles selbstverständlich. Meine Zeit als freischaffender Künstler begann 1970 und et hät immer jot jejange. Und bei wem geht das schon immer gut? Ich kann seit 40 Jahren meine Familie mit dem ernähren, was ich gerne mache.

BB: Das können nicht viele sagen.

Niedecken: Nee, das ist unfassbar. Da bin ich sehr dankbar für.

BB: Wo ziehst du den Unterschied zwischen dem „zornigen jungen Mann“ von damals und heute?

Niedecken: Damals war ich ein zorniger junger Mann und heute bin ich ein zorniger alter Mann. Wenn ich mir diese Wahl in Meckpomm angucke, dann gehe ich relativ schnell auf Hundert.

BB: Aber Du singst auch „Alles relativ“

Niedecken: Ich bin mittlerweile in der Lage, erst mal geistig um den Block zu gehen um mir meine Meinung fundamentaler zu bilden.

BB: Politik und Religion sind nur noch Geschäft…

Niedecken: Leider, Religion war mal etwas wo die Leute sich dran festhalten konnten, eine soziale Richtschnur. Im vorderen Orient war es der Islam, die Leute haben kein Schweinefleisch mehr gegessen, weil es trichinenverseucht war. Die Wissenschaft konnte es noch nicht beweisen, aber ein Religionsstifter hat gesagt: ‚Leute, esst den Scheiss nicht mehr, dann werdet ihr auch nicht krank‘.

BB: Ist Religion auch Sinnsuche?

Niedecken: Ich bin kein Atheist. Ich bin „restkatholisch“ und viele Rheinländer sind es auch. Ich hatte einen stockkatholischen Vater und je älter ich werde, desto mehr Wesenszüge entdecke ich an mir, die ich von ihm habe. Teilweise grinse ich darüber, aber einige sind mir auch ganz, ganz wichtig.

BB: Man hat dich den kölschen Bob Dylan genannt, deine neue Platte klingt eher nach dem deutschen Leonard Cohen.

Niedecken: Auch gut, das sind sowieso meine Säulenheiligen. Cohen, Dylan und Neil Young sind die Leute von denen ich viel gelernt habe.

BB: „Schritt für Schritt“ erinnert mich ein wenig an „Chelsea Hotel“.

Niedecken: Das höre ich doch sehr gerne. „Chelsea Hotel“ ist eines meiner absoluten Lieblingsstücke von Cohen, haben wir auch schon gespielt. Den Song hat Anne unsere Multiinstrumentalistin geschrieben, die weiss genau was bei mir im CD-Player läuft. Sie hat das Album mit ihrem Mann Ulle, unserem Gitarristen, auch produziert.

BB: Ich finde es faszinierend, wenn Musiker etwas ausdrücken können, was mich als Zuhörer in meinem tiefsten Herzen berührt.

Niedecken: Das kann ich nur deswegen, weil ich mich immer wieder überprüfe. Ich versetze mich in die Lage des Zuhörers. Ich möchte den Leuten nichts vorsetzen, womit ich sie übertölpele: ‚Die werden schon nicht merken, dass das eigentlich Scheisse ist‘. Es dauert unglaublich lange bis ich es wage, einen neuen Song meiner Frau oder meinen Töchtern vorzuspielen. Und dann merke ich manchmal, das geht gar nicht, da musst du nochmal ran.

BB: Aber eigentlich schreibst du nur für Dich?

Niedecken: Genau. Was der andere denkt muss einem erstmal egal sein, ansonsten würde man ja Richtung Marktforschung und Zielguppe arbeiten. Ich lege mich zum Psychiater Niedecken auf die Couch und kann loslassen. Diese ganzen Radioformate, die einem Künstler vorschreiben, wie lang ein Song zu sein hat, da wackelt der Schwanz doch mit dem Hund.

BB: Das Thema Radio ist eh durch, heute ist eher Youtube angesagt.

NIedecken: Die jungen Künstler nutzen Möglichkeiten, die wir damals nicht hatten. AnnenMayKantereit, die sind erst mal Youtube Stars gewesen. Drei jeile Jungs aus Köln, Mitte Zwanzig, die haben mit Straßenmusik angefangen und sind zur Zeit das heißeste Ding überhaupt. Henning May hat eine ganz großartige Stimme, das traust du dem Hänfling gar nicht zu, irgendwo zwischen Tom Waits und Joe Cocker.

BB: Du hörst du also auch was junge Kollegen machen?

Niedecken: Ich hab Kinder, die versorgen mich damit. Ich bin mit Clueso befreundet, und durch „Sing meinen Song“ bin ich jetzt Adoptivvater von SamyDeluxe.

BB: Sind Kasalla und Cat Ballou würdige Kölschrock Nachfolger?

Niedecken: Kasalla kannte ich schon als sie noch Independent Rock gemacht haben. Die haben weiterentwickelt, was die Bläckfööss gemacht haben, nur lauter. Und Cat Ballou haben das Kunststück fertiggebracht, dass als meine Tochter mir das Stück „Et jitt kein Wood“ vorgespielt hat, ich trotz massiver Kölnverherrlichung, kein Sodbrennen bekommen habe. Sehr geschmackvoll, trifft es auf den Punkt. Dieses Lied hat dazu geführt das ich „Tausende von Liebesliedern“ geschrieben habe.

BB: In „Et ess lang her“ singst du über…

Niedecken: … meinen Vater. 1981 auf der Karnevalsflucht bin ich erstmals dazu gekommen, mich mit dem Tod meines Vaters auseinanderzusetzen. Zu ihm hatte ich ein etwas gespaltenes Verhältnis, das habe ich damals formuliert und ausgerechnet dieses Stück „Verdamp lang her“ wurde unser bekanntestes Lied. Irre.

BB: Häste Angst vürm Dud?

Niedecken: Ich war gestern auf der Beerdigung des Schlagzeugers meiner Schülerband. Da habe ich die ganzen alten Jungs getroffen die ich 40, 50 Jahre nicht mehr gesehen hab. Früher im Schwimmbad schlank und rank und jetzt mit weissem Bart. Da musst du mit klarkommen, Altern is nix für Feiglinge.

Wolfgang Niedeckens BAP, Samstag 26. November, 20 Uhr, Schwalbe Arena, Gummersbach

Gewinnen Sie 2 x 2 Tickets für Niedeckens BAP – eMail bis 19. November mit dem Betreff „Niedeckens BAP“ an verlosung@bergischerbote.de

 

Paul Kalkbrenner ist Herausgeber des Bergischen Boten. Der gelernte Schriftsetzer studierte in Köln Visuelle Kommunikation und arbeitete als Designer, Fotograf und Redakteur unter anderem für Musikexpress, Prinz und die Autozeitung. In den 90er Jahren war er mit T-Shirts wie "Keine Macht den Doofen" erfolgreich. 2008 gründete er den Bergischen Boten. Er entspannt sich bei Gartenarbeit und ist leidenschaftlicher Musikfan. Er wohnt mit seiner Familie in Kürten.