Bleibt doch wo ihr seid!

„Ein Flüchtling kostet in Deutschland 1.000 Euro im Monat“, sagt der Overather Manfred Müller. „In Sri Lanka kann ich mit 80 Euro eine ganze Familie in die Selbstständigkeit bringen.“

Im braunen Wasser des Flusses schwimmt ein meterlanges Krokodil. Keine zehn Sekunden gibt die Seitenscheibe den Blick auf das gewaltige Tier frei, während der Jeep sich über die holprige Brücke quält. Sekunden, die ein westeuropäisches Gehirn durcheinander bringen. Zehn Tage Sri Lanka. Zehn Tage voller Einblicke und Blickwechsel.

Es ist irgendwann Anfang letzten Jahres, als mich mein Overather Nachbar Manfred Müller fragt, ob ich ihn journalistisch nach Sri Lanka begleiten möchte. Er fährt seit vielen Jahren dort hin. Nach dem Tsunami 2004 hat er ein Dorf für obdachlose Fischer aufgebaut. Eine interessante, eine schöne Geschichte. Aber aufwendig. Ich erbitte Bedenkzeit. „If you don’t go, you don’t know“, sagt Müller, sinngemäß  übersetzt soviel wie: Wer den Hintern nicht hochbekommt, wird von der Welt nichts begreifen. Ich schenke mir die Bedenkzeit.

Es laufen Vorbereitungen. Die Hilfsorganisation „Sri Lanka Center of Development Facilitation“ (SLCDF), mit der Müller in Sri Lanka zusammenarbeitet, schickt ein Programm für die Journalistin. Eine Excel-Tabelle, mehr ist es zu diesem Zeitpunkt für mich nicht. Trotz der langen Vorlaufzeit reißt mich der Abflug im November mitten aus einem Haufen Arbeit, Engagement in der Overather Flüchtlingshilfe und dem vagen Gedanken, dass bald Weihnachten ist. Es ist ein typischer grauer Novembertag als der Flieger abhebt, um in Colombo zu landen. Und dann beginnt der Film. Viel zu plötzlich ist es heiß und schwül und hell und bunt. Sri Lanka lacht dem Zuschauer mit seiner Wärme, seinen Farben und seiner lebendigen Betriebsamkeit mitten ins Herz.

Wir wohnen im MB-Hotel in Negombo Beach. Acht Zimmer, 20 Euro die Nacht, und hinter dem Fenster ein breiter, goldgelber Strand und der Indische Ozean. Blickwechsel inbegriffen, denn zwischen Fenster und Strand sind Wellblechhütten. Mein erster Gang Richtung Meer endet damit, dass ich eine Stunde mit Einheimischen geplaudert habe, obwohl ich nur kurz die geschwollenen Füße ins Wasser hängen wollte. Ein offenes, ein freundliches Land.

Jeden Morgen um halb acht holen uns die Mitarbeiter des SLCDF mit dem Mini-Bus oder Jeep ab. Ich lerne Bala kennen. Bala heißt eigentlich Gamini Balasuriya und kannte meinen Wohnort Overath schon, bevor ich wusste, wo er genau liegt. 1980 kam er im Rahmen eines Stipendiums nach Deutschland. Im Auftrag des Bauernverbandes führte ihn damals ein Student zu Bauernhöfen im Bergischen Land. Dieser Student war Manfred Müller. Zwei Jahre später flog Müller zum Gegenbesuch nach Sri Lanka. Danach immer und immer wieder, bis er aufhörte, die Besuche zu zählen. Bala wurde Entwicklungshelfer im eigenen Land, Müller promovierte in Agrarwissenschaften und wurde Berater für Unternehmen in Deutschland, Russland und den USA. „Bei jedem Besuch lerne ich noch etwas dazu“, sagt der Overather. Bala lächelt. 36 Jahre verbinden. Ich fühle mich gut aufgehoben.

Tissa Wijetunga, Geschäftsführer des SLCDF, schließt seit 28 Jahren Verträge und verteilt Mikrokredite.

Tissa Wijetunga, Geschäftsführer des SLCDF, schließt seit 28 Jahren Verträge und verteilt Mikrokredite.

Projektmanager Sanath Jayatunga überreicht mir eine blaue Mappe. Tourdaten, Projektbeschreibungen, Zahlenkolonnen zur Mittelverwendung. Der Fahrer dreht den Zündschlüssel und tut dann stundenlang und kilometerweit nichts anderes als Tuk Tuks, Mofas, Fahrrädern, Linienbussen, Hunden, Wasserbüffeln oder Ziegen auszuweichen – mit permanentem Gegen- und sowieso Linksverkehr. Tagelang kommt ihm dabei kein einziger unwirscher Laut über die Lippen. Eine Gelassenheit, die ihn von 56 Millionen deutscher Führerscheinbesitzer massiv unterscheidet.

Hinter der Windschutzscheibe ziehen Orte vorbei. Wie an einer Schnur aufgereihte Läden in Garagengröße, vollgestopft mit Obst und Gemüse, Waschmaschinen, Hochzeitszubehör oder dem annähernd kompletten OBI-Sortiment. Der Film hat Überlänge, aber er zieht mich völlig in seinen Bann. Manfred Müller schläft. Er kennt den Film schon auswendig.

Dann wird aus Asphalt Schotter und Lehm, Schlaglöcher füllen sich unter tropischen Regengüssen zu kleinen Seen und Wege führen einen erbitterten Kampf gegen die Allmacht des überwuchernden Grüns. Und immer wenn ich denke, jetzt sei ganz sicher die Welt zu Ende, mindestens aber Sri Lanka, geht es noch ein Stückchen weiter. Bis der Jeep in irgendeinem jener Dörfer hält, in denen das SLCDF seit 28 Jahren seine Arbeit tut, indem es Mikrokredite, Wissen und Hoffnung verteilt. Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben und ein gemauertes Plumpsklo draußen vor der Tür.

„Alles beginnt unter einem Baum“, sagt Tissa Wijetunga, Geschäftsführer des SLCDF, lächelnd, bevor er sich die Schuhe auszieht und sich im Schneidersitz auf der roten Plastikdecke niederlässt. „Am Anfang reden wir“, sagt er. „Wo ihre Probleme sind, was sie können, was sie wollen.“ Wijetunga hat schon unter unzähligen Bäumen gesessen. Meistens mit Frauen. Die Männer sind als Fischer wochenlang auf See, in einem Job, dessen Lohn zum Leben nicht reicht, im Ausland oder einfach ganz weg.

Das SLCDF ist gemeinnützig und finanziert sich durch Spenden. Die Mikrokredite werden zurückgezahlt, allerdings nicht ans SLCDF, sondern an die per Vertrag gegründete Dorfgemeinschaft. Diese hat einen Präsidenten und einen Kassenwart und entscheidet gemeinschaftlich, was mit dem Geld passieren soll, etwa die Vergabe neuer Kredite oder die Anschaffung von Gemeinschaftseigentum. So entstehen kleinste gesellschaftliche Strukturen, die funktionieren. „Das ist die Nachhaltigkeit“, sagt Wijetunga und lächelt wieder.

Wenn Sharmila Geethanjalee Fernando lacht, zeigt sie unbeschwert ihre Zahnlücken. In ihrem Dorf Kalpitiya, irgendwo an der großen Lagune bei Puttalam, gibt es gar keine Männer. Nur ein Dutzend Frauen und ihre Kinder. Seit einer Weile züchten sie Austern und verkaufen sie an Hotels. Die Mikrokredite reichten für Material und erste Zuchttiere. Sharmila ist die Präsidentin, und sie ist stolz. Darauf, dass sie Präsidentin ist, darauf, dass sie selbst Geld verdienen, darauf, dass wir als ihre Gäste über ihre Schwelle getreten sind – in eine winzige Hütte mit nacktem Boden, einer Matratze, einem Moskitonetz und einem kleinen Stapel säuberlich gefalteter Kinderkleidung. Wieder lacht sie, klatscht in die Hände und sagt: „Wir hatten keine Hütten, keine Toiletten, kein Wasser, kein nichts.“

„Sie haben nichts und man gibt ihnen wenig“, sagt Manfred Müller, „außer der Chance, sich selbst etwas erarbeiten zu können.“ Die Mikrokredite liegen bei umgerechnet 80 bis 120 Euro pro Frau oder Familie. Dazu gibt es Trainings. „Keep it simple“, sagt Bala. Halt es einfach. „Man muss sie dort abholen, wo sie stehen, überfordern bringt gar nichts“, ergänzt Müller.

Ich lerne Frauen kennen, die Trockenfisch herstellen, klöppeln, Seile aus Palmabfällen flechten, Bio-Tee anpflanzen, aus Jack-Früchten Chutneys kochen. Frauen, die lernen, den Salzgehalt des Wassers zu messen, Trockenmauern zu bauen und den Unterschied zwischen Ertrag und Gewinn zu verstehen. Das Prinzip ist immer gleich. Die Wirkung auch: Kredite können zügig zurückgezahlt werden, das Geschäft hat Bestand, die Gemeinschaft trägt und das neue Selbstbewusstsein ist größer als die alte Armut.

Sunil Rajapaksha betreibt das einzige Labor für Austernpilze in ganz Sri Lanka und veranstaltet Trainings für die Pilzzucht in den Dörfern. Für Manfred Müller ist dies ein besonderes Projekt. Er selbst war es, der vor vielen Jahren begann, im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) die Zucht von Austernpilzen in Sri Lanka zu erforschen. Er scheint berührt. „Das ist für mich Entwicklungshilfe“, sagt er. „Jemanden zu finden, der das aufgreift und das Ganze wachsen lässt.“

Zwischen den Dörfern wird der Film fortgesetzt. Vorbei an menschenleeren Traumstränden, einem muslimischen Beerdigungszug, buddhistischen und Hindu-Tempeln, Kirchen. Vier Weltreligionen leben hier zusammen. Auch in den kleinen Communitys auf den Dörfern. Wenig Grund zu streiten. Unser Fahrer, der König der Gelassenheit, stellt das Radio an. Meine Vermutung, es müsse ein Fußballspiel sein, ist völlig daneben. Es ist die Live-Übertragung der Parlamentsdebatte. In manchen Momenten weiß ich nicht wohin mit den Blickwechseln.

Dort, wo wir hinfahren, gibt es keine Touristen. Um das zu sehen, was Sri Lanka für sie bietet, müsste ich nochmal kommen. Doch das SLCDF lässt uns auch hier nicht allein. In der Weltkulturerbe-Stadt Kandy begleitet Sanath Jayatunga uns in den Sri Dalada Maligawa-Tempel, ein gigantisches Bauwerk, das Buddhas linken Eckzahn umschließt. Am nächsten Vormittag besuchen wir die Elefantenstation in Pinnawala. Es ist fremd, faszinierend, berührend, begeisternd.

Die Sri Lanker sind interessiert an dem, was in Deutschland passiert. Sie fragen nach den Flüchtlingen. Manfred Müller antwortet gern und gibt seine Meinung wieder. Ich habe eine andere. Bereits vor der Reise haben wir das Thema in endlosen Diskussionen kontrovers und nicht selten mit erhöhtem Adrenalinspiegel meinerseits diskutiert. Es ruht auch hier nicht. Nicht beim Frühstück, nicht im Auto, nicht beim Abendessen. Doch die Anstrengung und Aufgeregtheit dabei weicht der Gelassenheit dieses Landes, und die mannigfaltigen Farben Sri Lankas tauchen selbst eine potenzielle Schwarz-Weiß-Diskussion zumindest in viele Grauschattierungen. Es sind nie gleiche Meinungen, die im Denken weiterbringen, es sind die unterschiedlichen.

Gamini „Bala“ Balasuriya und Manfred Müller begutachten die Ernte aus der ökologischen Landwirtschaft.

Gamini „Bala“ Balasuriya und Manfred Müller begutachten die Ernte aus der ökologischen Landwirtschaft.

„Jeder Flüchtling kostet in Deutschland mindestens 1.000 Euro im Monat“, sagt Müller. „Hier kann man mit 80 Euro eine ganze Familie in die Selbstständigkeit bringen.“ Hier ist allerdings auch kein Krieg (mehr). In den langen Jahres des Bürgerkriegs flüchteten viele. Auch nach Deutschland. Doch die meisten kehrten zurück. Sie fühlen sich hier wohler. „Man kann nirgends so effizient helfen wie vor Ort“, ist Müllers felsenfeste Überzeugung. Und dann spinnt er eine Idee von einer arabischen Stadt abseits des Kriegsgeschehens, aber im eigenen Kulturraum. Die Welt gibt Geld und Material, die Flüchtlinge bauen und gestalten, arbeiten und leben. „Die Probleme dort lösen, wo sie sind“, sagt Müller, „und nicht warten, bis sie zu uns kommen.“

Mit dem Bauen hat Manfred Müller Erfahrung. Zumindest im Kleinen. Nach dem Tsunami hat er mit deutschen Spendengeldern und der Unterstützung der „Humanitären Hilfe Overath e.V.“ an der Südküste Sri Lankas ein Dorf gebaut. Hat mit Regierungsvertretern, Wahrsagern, Dorfnachbarn bis kurz vor das Scheitern des Projekts verhandelt, um es dann in Zeit und Budget doch noch umzusetzen. 24 Häuser, jedes für weniger als 10.000 Euro, jedes eine Existenz für mehrere Generationen Familie. Jetzt hat er wieder eine Spende akquiriert, mit der Mikrokredite in „seinem“ Dorf Kandegodella finanziert werden. Der Besuch im Dorf hat eine sehr spezielle Atmosphäre. Sie strotzt vor Freude und Fröhlichkeit, vor Vertrauen, Dankbarkeit und einer Menge gegenseitigen Respekts.

Die Sonne geht auch hier jeden Abend unter, aber selbst sie hat einen anderen Blickwinkel. Statt mit 40 Grad wie bei uns, fällt sie ziemlich senkrecht ins Meer. Nebenbei wirft sie ein Spektakel an Farben an den Himmel und verwandelt Menschen in Silhouetten. Eine tägliche Einladung, sich in Gedanken über die Welt zu verlieren oder auch, sie einfach für eine halbe Stunde komplett zu vergessen.

Nach zehn Tagen ist der Film vorbei, abgelöst durch die Daily Soap des deutschen Alltags und vorweihnachtlichen Geschenkerummel. Ich habe meine Geschenke bereits: Eine Überprüfung meines Standortes, die Bestätigung, dass Interesse und Respekt die Türöffner zur Welt sind, und dass der, der den Hintern nicht hochbekommt, von jener Welt nichts begreifen wird. Wenn ich noch einen Wunsch übrig hätte, dann den, dass es überall Bäume geben sollte und Menschen, die bereit sind, unter ihnen etwas Neues zu beginnen.

Karin Grunewald, Diplom-Kauffrau, arbeitet als freie Journalistin und Autorin. Seit 2009 schreibt und fotografiert sie für den Bergischen Boten. Ihre journalistische Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet. Sie wohnt in Rösrath.