Von Hermesdorf nach Lindlar: Eine ganze Dorfschule zieht um

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LINDLAR Es gab eine Zeit, als Eltern einen Tag ins Gefängnis gesperrt wurden, wenn ihr schulpflichtiger Sprössling nicht zum Unterricht erschien. Bildung genoss höchsten Stellenwert. Wenige Jahre zuvor blieben die Klassenräume hingegen halb leer, weil die Kinder arbeiten mussten, damit ihre Familien überlebten. Die Wissensvermittlung beschränkte sich oft auf das Auswendiglernen von Bibelversen. Als Lehrkräfte fungierten Invalide und Tagelöhner. Den Wendepunkt dieser beiden bildungspolitischen Einstellungen markiert eine kleine Dorfschule in Waldbröl-Hermesdorf. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet, als sich die Einsicht durchsetzte, dass Schulbildung die beste Startrampe ins Leben ist, dass jeder das Recht darauf haben sollte und die Oberhand über sie nicht allein der Kirche zugesprochen werden sollte. Der Prozess, der sich vor über 150 Jahren im Bergischen vollzog, steckt anderswo auf der Welt erst in den Kinderschuhen. In Entwicklungsländern bekommen viele Kinder bis heute nicht die Möglichkeit elementarste Fähigkeiten zu lernen.

Ein ehrgeiziges Projekt des Fördervereins des Bergischen Freilichtmuseums in Lindlar hat sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte und den Wert der Elementarbildung im Bergischen sowie in einer globalen Betrachtung zu zeigen. Das aufwändigste logistische und finanzielle Unterfangen ist dabei die Versetzung eines kompletten Schulgebäudes: Die vom Abriss bedrohte Hermesdorfer Dorfschule soll nach Lindlar „Zu den 102.000 Museumsbesuchern des Jahres 2014 zählten über 10.000 Schulkinder“, sagt LVR-Museumsdirektor Michael Kamp. Das Schulgebäude soll ab 2017/18 ein Ort der Kommunikation und des Austausches werden, mit Workshops, Planspielen, Schülersymposien. Anka Dawid entwickelt derzeit das Ausstellungskonzept. Sie ist wissenschaftliche Angestellte des Fördervereins: „Die Ausstattung des Schulsaals bei seiner Einweihung 1861 wird nachgebaut, genauso die Einrichtung der Lehrerwohnung im Obergeschoss. Wir wollen auch zeigen, unter welchen Umständen die Menschen lebten, welche Lehrerpersönlichkeiten unterrichteten.“ Als Glücksfall erwies sich dafür jüngst der Fund der kompletten Schulchronik bei Nachfahren eines ehemaligen Hermesdorfer Lehrers. „Seit dem allerersten Lehrer Martin Wirths, wurde darin alles festgehalten: Von den verwendeten Schulbüchern bis zu den Krankheiten der Kinder“, sagt Dawid.

Mit dem Bau der Schule im preußischen Kasernenstil sollte der Dorfjugend Lesen, Schreiben, Rechnen sowie Obst- und Gartenbau für die Jungen und Handarbeitslehre für Mädchen beigebracht werden, um ihnen die Möglichkeit zu bieten, ihre wirtschaftliche Situation aus eigener Kraft zu verbessern. Bildung war Mittel gegen Landflucht und Weg aus der Armut. „Das Fach Religion wurde im Lehrplan zwar auch später immer an erster Stelle genannt“, recherchierte Peter Joerißen für das Schulmuseum in Bergisch Gladbach-Katterbach, „doch der Schwerpunkt hatte sich auf das Erlernen des Lesens und Schreibens verlagert.“ Das machte rund zwei Drittel des Unterrichts aus. Bestrebungen, der Kirche Oberhand über die Schulbildung zu entrreißen, gab es bereits zuvor.  In  einer städtisch orientierteren Schule in Bergisch Gladbach legte der Lehrer zum Beispiel den Schwerpunkt verstärkt auf das Rechnen, da Gewerbe und Handwerk dort besonders wichtig waren. Das Schulmuseum Katterbach zeigt übrigens in seiner Ausstellung (bis 30.10.16) über Anton Feckter, der dort 55 Jahre als Lehrer tätig war, die soziale Situation des Lehrers und der ländlichen Bevölkerung. Zu sehen sind Zeugnisse der Fabrikarbeit von Kindern oder auch Ausstattung bei Lehr- und Lernmittel der Zeit um 1840.

Überall im Bergischen fand diese Bildungsoffensive breiten Anklang. Viele Gemeinden ordneten dem Bau einer Schule alles andere unter. In Waldbröl hing dies eng mit zwei Namen zusammen: dem Landrat Karl Maurer und dem Pfarrer und späteren Superintendent Wilhelm Hollenbach. In Würdigung seiner Verdienste als Reformator der Landpädagogik trägt das Waldbröler Gymnasium heute den Namen Hollenberg-Gymnasium. Um 1852 fand der neue Landrat des damals ärmsten Landkreises der Rheinprovinz nur einzelne, sogenannte Heck- oder Hofschulen vor. Der Unterricht fand unregelmäßig und meist in Scheunen statt. Die Zahl der Analphabeten war entsprechend groß. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. misstraute dem Lehrerstand und ihren freigeistige Bildungsideale zudem von Grund auf. Statt allen Menschen gleiche Bildungschancen einzuräumen, beharrte Friedrich Wilhelm IV. auf eine ständisch-starre Gesellschaftstruktur. Die Stielerschen Regulative von 1854 war eine Schulverordnungen, die die allgemeinbildenden Lehrprogramme für Elementarschulen schränkten. Die fortschreitenden Industrialisierung forderte aber auch von der Landbevölkerung einen höheren Bildungsgrad. „Friedrich Wilhelm wollte die Landbevölkerung bilden, aber nicht zu viel, um kein revolutionären Gedankengut aufkommen zu lassen“, erklärt Anka Dawid. Die Region diente als Arbeitskräftereservoir für den emporstrebenden Wirtschaftsraum an Rhein und Ruhr. Mit dem Ende Friedrich Wilhelms Regierungszeit war die Schule Hermesdorf bezugsfertig. Die verschiedenen Ansätze der preußischen Verwaltung, den Bildungsstand im Bergischen zu heben, sollen im zukünftigen Museum gezeigt werden.

Theoretisch sicherte die Verfassung der UNESCO im Jahr 1945 in ihrer „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ jedem Menschen das Recht auf Bildung zu. Also obilgatorischen Elementarunterricht für alle Kinder und den Zugang zu weiterbildendem Unterricht. Praktisch hinken Entwicklungsländer immer noch hinterher. „Wenn man 100 Jahre zurück denkt, waren wir im Bergischen genauso arm dran wie die Kinder in den Ländern, wo wir jetzt helfen“, sagt Leonore Kremers von OPAM e.V. Der ehrenamtliche Verein finanziert dort Bildungsprojekte, beispielsweise in Uganda oder Nepal. Er vergibt Schülerstipendien, zahlt das Gehalt von Lehrern oder baut Schulen. „Die Menschen sind teilweise so wenig gebildet“, weiß Werner Mays. Er berichtet von einem deutschen Diplomat, der in Nepal eine heilige Kuh anfuhr. Darauf droht dort nomalerweise die Todesstrafe. Da man es sich aber mit Deutschland nicht verscherzen wollte, erklärten die Behörden, die Kuh habe Selbstmord begehen wollen, und die Menschen akzeptierten es einfach. „Bildung beginnt das ganze Umfeld zu verändern“, sagt Mays. „Die Schüler dort brennen aufs Lernen. Sie werden uns in Zukunft den Schneid abkaufen.“

Spendenkonto Verein der Freunde und Förderer des Bergischen Freilichtmuseums:
Stichwort „Rettung Schule Hermesdorf“,
Kreissparkasse Köln, IBAN: DE 203 705 029 903 230 064 64
Volksbank Wipperfürth-Lindlar, IBAN: DE 793 706 984 001 102 250 16

www.foerderverein-bergischesfreilichtmuseum.de

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Hütt, Dawid, Kamp, wir machen schule hermesdorf plakat

2016/17 soll der Umzug der ehemaligen Dorfschule von Waldbröl-Hermesdorf nach Lindlar per Schwertransporter über die Bühne gehen. Noch suchen Michael Kamp (r.), Werner Hütt und Anka Dawid weitere Unterstützer. Derzeit hat der Förderverein des LVR-Museums 1.500 Mitglieder.

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