Mea: Poesie in Melodie von Togo bis Bergisch Gladbach

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Bergisch Gladbach Als ich mich mit dem Duo „Mea“ in der Malteser Komturei in Herrenstrunden zum Interview verabrede, denke ich: Super, im Sonnenschein auf der Terrasse am See sitzen und entspannt plaudern. Aber am Interviewtag gießt es in Strömen und gemeinsam träumen wir im Restaurant von einem prasselnden Kaminfeuer. Genau zwischen diesen beiden Polen ordnet sich die Musik von Mea aus Bergisch Gladbach ein. Zwischen fröhlich leichten Bossa Nova- und Swing-Rhythmen mit grooviger Synthesizerbegleitung bis zu souligen, gefühlvollen Melodien zur Akustikgitarre. Die Texte von Donia Akouvi Touglo zeugen von Lebenserfahrung und verschmelzen mit der puristischen Akustikgitarre von Sentido zu einem poetischen Sound. Wie gemacht für die Lounge, in der wir gerade sitzen.

Mea haben sich erst im Februar 2015 über das Internet gefunden. Ende November kam ihr erstes gemeinsames Album „Meandering“ auf dem Markt. Wie ein mäandernder Fluss schwingen auf dem Debütalbum die verschiedenen Einflüsse und Strömungen, die den Sound der beiden Musiker prägen. Für die Musikszene Bergisch Gladbach sind die beiden ein erstaunlich poetisches und einzigartiges Duo. Beide Biografien sind durchwirkt von Experimentierfreude und Mut zu Neuanfängen.

Donia Akouvi Touglo wurde 1987 in der ehemaligen deutschen Kolonie Togo, Westafrika, geboren. Mit 13 Jahren zog sie zu ihrem Vater nach Ratingen, wo er seit seinem Studium als Ingenieur arbeitet. Sie wurde trotz höherer Schulbildung in die Hauptschule eingegliedert und machte dort ihren Abschluss. Danach wechselte sie auf die Berufsfachschule für Wirtschaft und Verwaltung, die sie jedoch abbrach. Donia geriet in eine lähmende Lebenskrise. Ein interkulturelles Theaterprojekt in Düsseldorf brachte den Spaß zurück und gab ihr neuen Lebenssinn. Schon in Togo hatte sie in der Schule gerne und viel Theater gespielt. Wenn ihr Vater sie fragte, was sie werden wolle, antwortete sie ihm bereits als kleines Mädchen: „Ich will singen“.

„Im Theater konnte ich so verrückt sein, wie ich wollte“, erinnert sich Donia bei unserem Treffen strahlend. Die Bühne gab ihr das Gefühl: „Ja, das bin ich“. Sie entschloss sich, Schauspiel zu studieren. In der Düsseldorfer Hiphop-Szene sang sie in mehreren Bands  die Background-Vocals. In die erste Reihe traute sie sich noch nicht: „Ich mochte meine Stimme noch nicht so richtig, aber ich wollte alles ausleben, was in mir war. Alles an und in mir war Kunst, ich wusste nur nicht wohin das führen sollte“.

Eine zweite Lebenskrise brachte sie nach Köln, wo sie sich an zwei Schauspielschulen bewarb. Ohne Ahnung, ohne Geld. Ein Freund lieh ihr das Prüfungsgeld für das Casting an der Film Acting School Cologne. Sie bestand sofort. „Es war wie Wasser trinken, es war so einfach“, sagt sie. Ihre Lehrjahre wurden von Widerständen und Einbrüchen begleitet. Zeitweise bewegte sich Donia auf dem untersten sozialen Level. Sie wohnte bei Freunden, auf der Straße, in Frauenhäusern. Sie lebte von Sozialhilfe und Minijobs. Sie musste sich anhören, dass sie als „schwarze“ Schauspielerin in Deutschland wenig Chancen habe. Nachdem sie jedoch die Zusage der Schauspielschule bekam, „lief auf einmal alles wie am Schnürchen“. Sie fand einen Job, ein WG-Zimmer und erhielt einen Bildungskredit. Ein Kreuzbandriss drohte alles wieder zu zerstören, aber sie schaffte es durchzuhalten. Im Juni 2014 bestand sie ihr Schauspieldiplom und arbeitet seitdem für verschiedene Theaterprojekt. Durch ihr Studium hat sie an Selbstbewusstsein gewonnen: „Es war wie eine Therapie für mich“. Auch musikalisch wollte sie nicht mehr nur im Hintergrund singen. Sie suchte Musiker, aber mit keinem klappte es menschlich und musikalisch. Bis sie Michael Filz alias Sentido kennenlernte.

Auch Sentidos Leben ist von vielen Brüchen geprägt. 1959 in Köln-Nippes geboren, ging er in Bergisch Gladbach zur Schule. Nach zwei Lehren zum Einzelhandelskaufmann und zum Fotografen, folgte eine weitere Lehre zum Papiermacher bei Zanders. Früh weckten Tangerin Dreams und Klaus Schulze seine Interesse am Bau und dem Beherrschen von Synthesizern. Musik und Technik war für ihn eine faszinierende Kombination. Sein damaliger Chef bei Zanders überredete ihn, bei einem Firmenfest aufzutreten. Das führte dazu, dass er nicht mehr im Schichtdienst arbeiten musste, sondern eine Stelle als Operator bekam und für einen Großrechner verantwortlich war. Auf dem zweiten Bildungsweg studierte er Wirtschaftsinformatik, brach jedoch sein Studium ab, um in der Hochphase der IT-Unternehmensgründungen mit seinen Kenntnissen schnell Geld zu verdienen.

Sein Interesse am Gitarrenspielen weckte sein Bruder und Allzeit-Vorbild Pink Floyds David Gilmoure. Bei Besuchen in Hamburg war Filz  zu Gast im legendären „Onkel Pö“, wo er mit dem damals noch unbekannt Pat Metheney zusammenspielte. Manchmal bereut er, dass er den Kontakt nicht weiter ausgebaut hat. Mit Synthesizer-Kompositionen experimentierte Sentido weiter und ging mit dem Soloprojekt „Wolkenreisetour“ auf Tournee. 1981 schloss er sich EMAK (elektronische Musik aus Köln) an. Er verließ die Band mit ihrem minimalistischen  Elektronik-Krautrock aber bereits nach dem Debütalbum wieder, obwohl es dieses mit 38.000 verkauften Einheiten sogar in die Charts schaffte. Er kaufte sich Equipment für ein eigenes Studio, musste sich aber bald eingestehen: „Als Endproduzent und als Ton-Ingenieur tauge ich nicht“.

Vor siebzehn Jahren stieg er ganz auf Akustikgitarre um und verdiente sich seine Brötchen als Gitarrenlehrer. Seine Familie mit zwei Kindern wollte versorgt sein. Musikalisch faszinierten ihn immer mehr südamerikanische Jazz-Rhythmen, Flamenco und der Gypsy-Swing von Django Reinhardt. In seinem Plattenschrank stehen Al Di Meola, Birelli Lagrene und Vicente Amigo. Als es in einer Band plötzlich fünf Michaels gab, wurde aus Michael Filz „Sentido“- ein vieldeutiges spanisches Wort zwischen Gefühl und Bewusstsein.

Seit 2012 tritt Sentido mit drei weiteren, vorwiegend Studiomusikern, als „Boucardi“ auf. Er spielt Gitarre und singt. Sie spielen Latin, Weltmusik zwischen Flamenco, Bossanova und Jazz. Doch Sentido war unzufrieden und suchte eine neue Sängerin. Im Februar 2015 wurde er auf einer Musikersuchseite im Internet fündig. „Sie suchte einen Gitarristen, ich eine Sängerin.“ Beide merkten sofort, dass die Chemie stimmt. „Donia hatte Lust Texte zu schreiben, die zu meiner Musik passen“, sagt Sentido. Von da an ging alles ganz schnell. Er komponiert die Songs und schreibt die Arrangements. Mea ist geboren. Was die beiden zusammenhält ist das Verständnis für einander und ihre verschiedenen Musikeinflüsse. „Sentido ist ruhig und einfühlsam. Er holt mich immer wieder runter, wenn ich mich aufrege“, sagt Donia, „und wir finden unsere Mitte, wenn wir mal nicht einer Meinung sind.“ Für Sentido ist sie „my little Miss Crazy“. Den Altersunterschied empfinden beide als Bereicherung, nicht als Hindernis. Innerhalb weniger Monate entstand im Kölner „sound in progress“-Studio ihre erste CD. „Alles auf analogen Studer-Bandmaschinen und Pulten aufgenommen und dann erst digitalisiert“, erklärt Sentido stolz, „deshalb ist der Sound meines Erachtens einer der besten, den ich jemals gehört habe, keine VST-Plugins alles reale Musikinstrumente.“

Ihre Stilrichtung bezeichnen sie als „Worldmusic“, ihre Texte sind in Englisch und in Donias Muttersprache Eve. Afro-Jazz labelt der Kölner Music Store ihre neue Debüt-CD und definiert damit, was Donia zu Sentidos Latin-Leidenschaft hinzu addiert. Doch nicht Jazz ist das Hauptattribut ihrer Musik, sondern Poesie, ein Schuss Lateinamerika, ein afrikanisches Topping und ein Stilmix zwischen Sade und Singer/Songwriter der mäandernd noch seine endgültige Richtung sucht. Ein Musikexport aus Bergisch Gladbach der Großes verspricht.

Die aktuellen Tourdaten und die  CD „Meandering“ gibt es auf  www.mea-musik.de
Die  CD „Meandering“ist auch im Handel oder auf iTunes erhältlich

 

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Sabine Hogenacker (Jahrgang 1964) studierte, nach einer Lehre als Druckvorlagenherstellerin, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität zu Köln mit Abschluß Magister. Danach arbeitete sie für verschiedene Fernsehformate, bis sie sich 2001 als freie Journalistin, Fotografin und Autorin selbstständig machte. Sie ist verheiratet, hat zwei Söhne, wohnt in Overath und liebt das Fahren durch das Bergische Land auf immer neuen verschlungenen Wegen.