Von der Flucht gezeichnet

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Odenthal „Wie eng war denn der Weg über die Schlucht?“, fragt der Odenthaler Schüler Jakob den syrischen Zeichner Tayser Mohammed, der neben ihm steht und seine Zeichnungen erklärt. Tayser, 33, gelernter Maler und Lackierer, erklärt ihm den beschwerlichen Weg über eine Hängebrücke, die die Grenze zwischen der Türkei und Bulgarien markiert. „Einen halben Meter breit und 30 Meter lang. Wer herunterfiel, hatte keine Chance.“ Eine andere Zeichnung zeigt zwei, mit langen Seilen an Bäume festgebunden Schleuser, die in einem Fluss schwimmend, einander Flüchtlinge an das andere Ufer weiterreichen. „Das war sehr gefährlich erinnert sich Tayser. Das haben nicht alle geschafft und einige von uns sind ertrunken.“

Der zeichnerische Autodidakt hat sich vor zwei Jahren zu Fuß auf den Weg aus dem umkämpften kurdischen Grenzgebiet im Nordosten Syriens auf gemacht. Seine Eltern musste der Junggeselle in der kurdischen Stadt Qamischli zurücklassen. Nach dem ersten Weltkrieg wurde diese Stadt von Aramäern gegründet, die auf der Flucht vor den Massakern der türkischen Regierung waren. In der 200.000-Einwohner-Metropole leben diese heute mit Kurden, Arabern, Armeniern und Juden zusammen. Die Stadt ist zeitlebens eine Flüchtlingsstadt geblieben. Heute kommen sie aus dem vom Krieg verwüsteten Damaskus, Aleppo und Homs, denn Qamischli ist die einzige Großstadt Syriens, in der nicht gekämpft wird. Auf 50.000 Flüchtlinge schätzt die kurdischen Arbeiterpartei PKK, die sich in Syrien PYD nennt und in der Stadt das Sagen hat, die Zahl der Flüchtlinge. Doch für Hunderte, die täglich in Qamischli ankommen, gibt es kein Weiterkommen. Es sei denn über die Schmugglerpfade und durch die Minenfelder an der Grenze. Die Lebensmittelläden sind zwar dank der guten Kontakte der PKK zur syrischen Regierung gut gefüllt, doch die Preise kann kaum jemand mehr bezahlen. Eier kosten beispielsweise das Fünffache als vor dem Krieg. Die medizinische Versorgung ist zusammengebrochen, seit das Krankenhaus einem Bombenangriff zum Opfer fiel.

Taysers Weg aus der kollabierenden Stadt führte auf Schmugglerpfaden durch lebensgefährliche Minenfelder. Meist war die Gruppe, in der er mitlief zu Fuß unterwegs erzählt er, nur ab und zu habe man eine Mitfahrgelegenheit per Auto gefunden. Seit zweieinhalb Jahren lebt er in Deutschland und hat seine Erfahrungen in einfachen Filzstiftzeichnungen festgehalten, die nicht durch Virtuosität sondern Authentizität beeindrucken.

In der überfüllten „Kleinen Rathausgalerie“ von Odenthal stehen die Besucher von Taysers Ausstellung bis auf den Parkplatz Schlange. „So voll war es hier noch nie“, sagt Georg Wisskirchen, freiberuflicher Religionslehrer am Gymnasium in Odenthal. „Die Flüchtlingsfrage ist eigentlich eine Heimatfrage“, sagt er, “ Taysers Zeichnungen zeigen nicht die (Konflikt-) Parteien, sondern das Schicksal der Menschen. Tayser schenkt uns ein Stück aus seinem Leben.“ Wisskirchen leitet die „GO-Asyl“ des Gymnasiums Odenthal, „damit die deutschen Schüler und die Flüchtlinge nicht mehr in verschiedenen Ecken des Schulhofs stehen.“ In der älteren der beiden Turnhallen sind 80 Flüchtlinge untergebracht. Die GO-Asyl hat es sich zur Aufgabe gemacht, christliche Nächstenliebe in die Tat umzusetzen. So stehen draußen, vor der Ausstellung die Schülerinnen Marie Schäfer und Amelie Thomalla im Schein von Lichterketten am Samowar und schenken Tee aus.

Einmal die Woche wird in der Schule ein gemeinsames Willkommensfrühstück veranstaltet, damit man sich gegenseitig kennenlernt. Man spielt zusammen Fußball und macht Musik. Auch die Ausstellung ist der Initiative der GO-Asyl zu verdanken. Schüler, Eltern, Lehrer und Flüchtlinge, die ja auch Schüler, Eltern und Lehrer sind, haben gemeinsam etwas geschaffen, das in beide Richtungen wirkt. Nicht nur Hilfe geben, sondern auch Neues und Fremdes empfangen und so kennen und schätzen lernen. Wie den schwarzen Tee, der statt Kölsch auf der Vernissage gereicht wird, und der aus einem starken Sud im Silberkännchen besteht, das mit dem heißen Wasser aus dem Samowar trinkfertig verdünnt wird. Andere Länder andere Tee-Sitten. Wisskirchen erzählt von einem anderen Beispiel wie man sich gegenseitig ergänzt, der Flüchtlingsunterkunft im Haus Pohl im nahen Bergisch Gladbach, wo es die Flüchtlinge waren, die es endlich schafften das WLAN einzurichten.

Ausstellung „Tayser –  Ein Bericht“ noch bis 4. Dezember, Kleine Rathausgalerie Odenthal, Bergisch Gladbacher Str. 2, Odenthal.
Öffnungszeiten: Mo-Do 8-17 Uhr, Fr 8-12.30 Uhr

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Zwei Schleuser haben sich am Ufer an Bäume gebunden und lotsen Flüchtlinge über einen Fluss.

Zwei Schleuser haben sich am Ufer an Bäume gebunden und lotsen Flüchtlinge über einen Fluss. Wer sich nicht festhalten kann ertrinkt.

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Paul Kalkbrenner ist Herausgeber des Bergischen Boten. Der gelernte Schriftsetzer studierte in Köln Visuelle Kommunikation und arbeitete als Designer, Fotograf und Redakteur unter anderem für Musikexpress, Prinz und die Autozeitung. In den 90er Jahren war er mit T-Shirts wie "Keine Macht den Doofen" erfolgreich. 2008 gründete er den Bergischen Boten. Er entspannt sich bei Gartenarbeit und ist leidenschaftlicher Musikfan. Er wohnt mit seiner Familie in Kürten.