Ein Plädoyer für das Vorlesen

Leichlingen Der 20. November ist der weltweite Vorlesetag. Für die Kinderbuchautorin und Erfinderin des Hasen Felix, Annette Langen aus Leichlingen, ein bedeutender Tag. Denn Sie sagt: „Kindern vorzulesen bewirkt mehr als Sie ahnen!“ Lesen Sie hier ihr Plädoyer für das Vorlesen:

Eine britische Langzeitstudie der Universität Oxford, an der 17.000 Kinder teilgenommen haben, belegt, dass das abendliche Vorlesen Kindern hilft, später einen guten Schulabschluss zu erziehen. Auch eine Erfurter Studie zeigt, dass Vorlesen in der Familie zu den wichtigsten Einflussfaktoren auf den spätere Entwicklung von Lesemotivation bei Grundschülern zählt. Aus Studien der Universität Pittsburgh geht eindeutig hervor, dass Kinder, denen bereits im Babyalter vorgelesen wurde, später in der Schule besser abschneiden. Positiv wirke sich natürlich auch die Nähe der Eltern aus. Die University of Chicago belegt, dass Vorlesen neben dem Wortschatz auch die Fähigkeit zum symbolischen Denken fördere, die im Umgang mit Zahlen und Buchstaben wichtig ist.

Vorlesen hat garantiert nur positive Nebenwirkungen – und dennoch lesen mittlerweile 70 Prozent der Familien in Deutschland nicht mehr vor. Woran liegt das? Bei Lesungen erlebe ich öfters Eltern, die mir gestehen: „Ich traue mich nicht selbst vorzulesen, ich kann das nicht so perfekt vorlesen wie die Sprecher der Kinderhörspiele.“ Das müssen Sie auch nicht! Perfektion ist beim Vorlesen nicht erforderlich. Sie geben Ihren Kindern dabei etwas viel Wichtigeres: Nähe und Geborgenheit. Das kann kein Hörspiel dieser Welt. Im Idealfall zeigen Sie Ihrem Kind beim Vorlesen verschiedene Wege zu einer ganzen Kultur auf. So fangen Sie damit an. Hier meine familienerprobten Vorlesetipps.

1. Generell wichtig fürs Vorlesen ist die innere Ruhe. Suchen Sie einen Zeitpunkt aus, an dem Sie nicht auf dem Sprung sind.
2. Seien Sie authentisch und im Idealfall selbst mit Freude beim Vorlesen dabei. Kinder spüren sofort, ob ein Text nur pflichtschuldig heruntergelesen wird. Nach dem Motto: Ist ja gut fürs Kind.
3. Suchen Sie ein Buch aus, das Ihnen und Ihrem Kind gefallen könnte.
4. Beziehen Sie die Kinder beim Vorlesen aktiv ein. Das klappt, wenn Sie das Buch (im Vorfeld) sicher kennen.
5. Kleben Sie nicht am gedruckten Wort, wenn Ihnen etwas unverständlich erscheint, ersetzen Sie es. Aber merken oder notieren Sie sich genau, wie Sie es gelesen haben. Erfahrungsgemäß wollen es Kinder so immer wieder hören.
6. Integrieren Sie das Vorlesen in den Tagesablauf, als Ritual zum Beispiel vor dem Zubettgehen.

Oft werde ich gefragt, was ein gutes Buch ist. Das ist für jeden individuell. Für mich berührt ein gutes Buch die Seele. Sie merken es, wenn es Ihr Kind beim Vorlesen kichern und bangen lässt. Es weckt Gefühle.

Wie kriegen Sie das Kind ans Buch? Wenn mir ein Kind sagt, es liest nicht gerne, antworte ich immer: „Na, dann hast du noch nicht das richtige Buch gefunden. Was magst du denn besonders gerne?“ Meiner Erfahrung nach ist es Teil des Erfolgs, das „richtige“ Buch für das Kind zu finden. Jungen lesen oft lieber Sachgeschichten. Nutzen Sie beispielsweise die Fußballnachrichten im Sportteil der Zeitung, um die Faszination Lesen bei einem kleinen Fußballfan zu wecken. Sie können ganz gezielt die Interessen Ihres Sohnes beim Vorlesen aufgreifen, ein interessantes Magazin zu seiner Lieblingssportart besorgen oder einen spannenden Artikel über Haie, Raumschiffe oder den größten Braunkohlebagger ausdrucken und vorlesen. Wenn Kinder nur Comics favorisieren, würde ich dies nicht pauschal verteufeln, sondern als Einstieg ins Lesen sehen.

Das Vorlesen bewirkt noch etwas, jenseits der Statistik und messbaren Zahlen, das ich unbezahlbar finde. Wenn Sie die Augen schließen und an die Abende ihrer Kindheit denken, gehört das abendliche Vorlesen sicherlich für viele von Ihnen als festes Abendritual zum Tagesablauf. Und bestimmt ist es für Sie bis heute mit einem Gefühl der Geborgenheit und Wärme verbunden. Trotz der Jahrzehnte, die dazwischen liegen, hat das Vorlesen aus unseren Kindertagen einen besonderen Platz in der Erinnerung behalten. Ich finde, das belegt ganz eindeutig, welche nachhaltige Bedeutung es hat. Die Leseentwicklung jedes Kindes ist sehr individuell. Ob ein Kind zum Leser wird, hängt von vielen Faktoren ab. Zeit und Zuwendung sind neben Kontinuität aus meiner Sicht sicherlich drei der maßgeblichsten Zutaten einer erfolgreichen Leseförderung. Sie brauchen nur ein Buch und etwas Zeit am Stück. Und? Wann lesen Sie vor?