Unkraut vergeht nicht

Wenn die bergischen Milchbauern den Löffel abgeben, werden wir unsere Heimat nicht wiedererkennen. Ein Alptraum mit realistischem Hintergrund von unserer Redakteurin Karin Grunewald.

Wir schreiben das Jahr 2020. Verwirrt und mit zerkratzten Armen steht Ingo Schweizer auf dem Hügel und blickt abwechselnd auf die Landschaft des Bergischen und in seinen Reiseführer. Mühsam ist er über zugewachsene Wanderwege, durch mannshohe Brennnesseln und Disteln gekraxelt, um den Blick auf die beschriebene „unglaubliche Vielfalt und Idylle der Landschaft“ zu genießen. Aber sie ist nicht da. Weite Flächen mit Springkraut und Herkulesstaude, ein paar kleine Birkenwäldchen, verblühter Ginster. Nicht die versprochenen Schmetterlinge und Vogelarten und auch nicht die „friedlich grasenden Kühe“. Kühe schon gar nicht.

Ingo Schweizer hat nicht aufgepasst. Sein Reiseführer ist aus dem Jahr 2015. Doch 2016 setzte im Bergischen Land das ein, was als „großes Höfesterben“ in die bergische Geschichte einging, in Schweizers Heimat, dem Ruhrgebiet, jedoch kaum Beachtung fand. Es war ganz einfach so: Die bäuerliche Landwirtschaft im Bergischen hatte aufgehört zu existieren.

Eine Zukunftsvision, natürlich. Doch nicht weit hergeholt. Wieder einmal rollten im September Treckerkolonnen gen Brüssel, wieder einmal protestierten Landwirte gegen einen Milchpreis, von dem sie nicht mehr leben können. Wenn der junge bergische Landwirt derzeit vom Frühstückstisch aufsteht, sagt er: „Komm, Mama, gehen wir wieder Verlust machen.“ Wenn die Milchbauern für einen Liter Milch 26 Cent erhalten, Tendenz fallend, der sie aber zwischen 32 und 40 Cent kostet, kann sich jeder selbst ausrechnen, was Peter Lautz, Vorsitzender der Kreisbauernschaft im RBK so ausdrückt: „Das geht auf Dauer nicht gut.“

Sein Amtskollege aus Oberberg, Helmut Dresbach, sagt mit Seitenblick auf die Tourismusverantwortlichen: „Da machen sie Affenklimmzüge, um die schöne Landschaft zu vermarkten, die von uns zum Nulltarif gestaltet wird.“ Dass sich die Natur ohne menschliches Eingreifen in Windeseile alles zurückholen würde, bestätigen auch Naturschützer. „Das würde das Landschaftsbild komplett verändern“, sagt Frank Herhaus, Leiter der Biologischen Station Oberberg. „Lebensräume und Artenvielfalt, die durch die Kulturlandschaft entstanden sind, gingen verloren.“ Irgendwann, viele Jahre später, würde sich dann ohne Eingreifen des Menschen überall Wald ausbreiten. Das wäre zumindest unter CO2-Aspekten positiv. Greift der Mensch irgendwann ein, gibt es vielleicht anderen Wald, einen, der sich wirtschaftlich nutzen lässt. Oder Gewerbegebiete und Parkplätze für was auch immer auf der – dann nur noch sprichwörtlichen – grünen Wiese.

Aber was ist eigentlich passiert, wer ist schuld und was kann wer tun? Schuld ist der Wegfall der Milchquote sagen einige. Seit diesem Jahr dürfen die Landwirte so viel produzieren wie sie wollen. Doch erstens gab es auch mit Quote Schwankungen und zweitens ist die Milchproduktion, zumindest in Deutschland, im ersten Halbjahr leicht gesunken, nicht gestiegen. Das herrschende Überangebot resultiert aus einer niedrigeren Nachfrage. Schuld sind die Russlandsanktionen, sagen die einen. Über 75.000 Tonnen Käse fallen aus der Exportbilanz. Schuld sind die Chinesen, sagen die anderen, die keine Milch mehr kaufen oder zumindest nicht immer mehr Milch. Die eigentliche Schuld ist keine Schuld, sondern der normale Gang eines liberalisierten, global eng vernetzten Wirtschaftssystems, das auf Wachstum, Gewinn und Export basiert. Wenn in China ein Sack Reis umfällt, merkt es der bergische Bauer. Und selbst EU-Subventionen reichen nicht aus, um dies auszugleichen.

„Wir sehen derzeit wenig Stellschrauben, an den Rädern des Welthandels zu drehen. Das geben wir zu“, sagt Helmut Dresbach. Realistisch gesehen ist es dem Welthandel völlig egal, ob es bergische Milchbauern überhaupt gibt. Dennoch hatten diese einst die Chance, im globalen System mehr Geld zu verdienen, genutzt – wie jede andere Branche auch. Durch die zunehmenden Exporte ihrer Molkereien wuchs der Umsatz und zeitweilig der Milchpreis. Wer jedoch angenommen hatte, die Wachstumszahlen würden über die Jahre anhalten, sieht sich nun mit seinen Investitionen in größere Ställe und teure Technik getäuscht. Und die Rücklagen aus den guten Jahren sind nicht groß genug für Jahre wie dieses.

Die Kreisbauernschaft fordert nun von der EU Absatzförderung, Liquiditätshilfen, Stundung von Steuerschulden und ähnliche Maßnahmen, die letztendlich alle nur die akuten Symptome lindern würden, aber nicht die Ursachen angingen. Ein bisschen wie in Griechenland: Viele Hilfsprogramme ohne wirklich etwas zu lösen. Viele Landwirte haben die Hoffnung auf Handlungsmöglichkeiten und Handlungswillen der Politik längst aufgegeben. Was aber können sie selbst tun?

Bauernprotest in Brüssel.

Bauernprotest in Brüssel.

Sie könnten mehr produzieren, um über geringere Kosten pro Liter marktfähig zu bleiben. Dann blieben im Bergischen – vermutlich nach einem massiven Verdrängungswettbewerb – am Ende ein paar ganz große Ställe übrig. Auf Weiden kommen Kühe aus Mega-Ställen nicht mehr. Sie könnten auch weniger produzieren, um das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage wieder herzustellen. Aber erstens kann man Kühe nicht einfach spontan weniger melken, und zweitens haben ein paar Milchbauern mit im Schnitt 80 Kühen auf die Weltproduktion null Einfluss. Sie könnten ihre Kosten senken. Aber entweder haben sie das bereits vollkommen ausgereizt oder sie haben sogar investiert und können derzeit nicht mal die Kredite bedienen. Die Preise gestaltet nicht der Landwirt, sondern die Molkereien, die Discounter, „die Märkte“. Wie viel Geld er für seine gelieferte Milch erhält, weiß der Landwirt erst ein paar Wochen später.

Bliebe die Möglichkeit der strukturellen Änderung. Zum Beispiel Bio, zum Beispiel regionale Infrastruktur wieder herzustellen, um über eine lokale Nische wieder unabhängiger vom Weltmarkt zu werden. „Die Zeiten sind vorbei“, sagt Dresbach. Das müsse alles von Null wieder aufgebaut werden. „Und dann? Dann kauft es keiner“, sagt er. Das Vertrauen in einen verständigen und verantwortungsvollen Verbraucher ist nicht vorhanden. „Wenn das in die Hose geht, sind wir alle pleite.“ Verständlich, doch es wäre genauer zu untersuchen, ob hier tatsächlich die Möglichkeiten fehlen oder der Mut. Denn auch heute gilt schon: Wer jetzt geht, der geht für immer.

Mit einer Ausnahme im Oberbergischen sind die Bauernhöfe im Bergischen klein und meist Familienbetriebe, nicht selten bereits über mehrere Generationen weitergegeben. Massenproduktion gibt es hier nicht. „Ich habe nicht 80 Kühe, sondern 80 mal eine Kuh“, sagt Markus Theunissen aus Wipperfürth. Er hat wie fast alle anderen viel Geld in das Tierwohl investiert. Seine Kühe, wie auch fast alle anderen im Bergischen, sehen regelmäßig eine Weide und damit auch unsere Kinder noch Kühe, die nicht lila sind. Doch weder der gesellschaftliche noch der menschliche Aspekt spielen auf dem Weltmarkt irgendeine Rolle. Für Molkereien und Discounter auch nicht. Und für die meisten Verbraucher ebenfalls nicht. „Alle die, die nur auf ‚billig billig’ setzen, zerstören langfristig unsere regionalen Strukturen – das gilt für den Lebensmittelhandel genauso wie für jeden Verbraucher, der an der Ladentheke entscheidet“, sagt Peter Lautz, Vorsitzender der Kreisbauernschaft im RBK.

Dass durchaus Spielraum besteht, zeigte jüngst der dänische Discounter „REMA 1000“. Eine halbe dänische Krone (knapp 6,5 Cent) gehen als Aufpreis für dänische Milch direkt an die Erzeuger. Ob das eine Marketingaktion ist oder tatsächlich die Einsicht, dass es vielleicht doch klüger ist, die Landwirte nicht mit „Marktpreisen“ in den Ruin zu treiben, sondern dem Lebensmittel Milch einen Mindestwert zuzugestehen, ist letztendlich egal. Aldi senkte derweil in Dänemark seine Preise für Milch erneut. Zeitungen schreiben von „Milchkrieg“.

Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter demonstrierte im September auf dem Münchener Odeonsplatz. „Wir wollen keine Landwirtschaft, die nur auf Profit und Gier und nur auf Ausbeutung von Mensch und Tier ausgerichtet ist“, rief sein Vorsitzender Romuald Schaber ins Mikro. Starke Worte, doch wirklich erfolgversprechende Taten für einen anderen Weg sind nicht in Sicht. Vielleicht reguliert sich der Milchmarkt wieder und die Preise steigen. Je nachdem, wie lange das dauert, werden ein paar, viele oder fast alle bergischen Milchbauern für immer gehen. Und dann erst, wenn wir die Reiseführer beginnen umzuschreiben, werden wir uns mulmige Gedanken über die billige Milch in unserem Kühlschrank machen.

Karin Grunewald, Diplom-Kauffrau, arbeitet als freie Journalistin und Autorin. Seit 2009 schreibt und fotografiert sie für den Bergischen Boten. Ihre journalistische Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet. Sie wohnt in Rösrath.