Finnische Freundschaften

Wenn es um Städtepartnerschaften geht, denken viele an Frankreich oder Italien. Der Odenthaler Axel Päffgen dachte auf einem Saunakongress 2001 in Helsinki an Finnland. Zehn Jahre später gründeten sich im Bürgerhaus die FinnFriends. Der Bergische Bote hat sie auf einer Reise in die Partnerstadt Paimio an die Ostsee begleitet.

Teil 1

Beim Kaffeetrinken ist der Finne ja mit zwölf Kilo pro Jahr Weltmeister, auch wenn neuere Untersuchungen nahelegen, dass wir Deutschen dabei sind ihn einzuholen. Allerdings kennt der Finne nur drei Sorten Kaffee: „Kaffee brutal“ ohne Cognac, „Kaffee normal“ mit Cognac und „Kaffee deluxe“ ohne Kaffee. Das erklärte mir meine Mitreisende Tina Ripatti, Finnin aus Leverkusen, als sie im Reisebus die erste Dose Karajal Strong Pilsener zischen ließ. Die Nacht war kurz, der Tag schien unterschiedlich breit zu werden. 

Zu nachtschlafender Zeit war unsere FinnFriends Reisegruppe in Odenthal gestartet. Eine Initiative Odenthaler Bürger, die eine Städtepartnerschaft mit dem finnischen Paimio auf den Weg brachte. Auch wenn ich kein Vereinsmensch bin, hier war ich sogar Gründungsmitglied obwohl ich Kürtener bin. Schon damals liebäugelte ich mit dem Gedanken in Helsinki die Schauplätze diverser nordischer Krimis aufzusuchen, also warum nicht eine engagierte Gruppe unterstützen, die aktive Völkerverständigung mit einem Land betreibt aus dem mein Handy und meine Bettlektüre stammt. 

Um 3.45 Uhr, enterten wir den Bus zum Düsseldorfer Flughafen, um nach Umsteigen in Berlin noch den Bus um 14 Uhr von Helsinki nach Turku zu erwischen. Kaffee brutal hatten wir in den diversen Airports zur Genüge kennengelernt, Zeit also für die Deluxe Version. 

Als erstes ging es nicht ins Hotel sondern in die Kirche. Der Dom zu Turku, der ehemaligen finnischen Hauptstadt ähnelt dem zu Altenberg nicht im Entferntesten. Rohe Ziegelsteine, mit Felsen und Beton geflickte Wunden vergangener Jahrhunderte erinnerten daran, dass die Kirche zwanzigmal niedergebrannt wurde. 1847 ging fast die gesamte Stadt in Flammen auf. 4500 Opfer hat man in einer Gruft unterhalb des Altars beerdigt. Und doch lieben die Finnen diese Kirche. Hier ruht seit 1613 die Gemahlin des Schwedenkönigs Eric XIV, hier wurde zum ersten Mal eine Messe zweisprachig gehalten, in schwedisch und finnisch. Zarte Versuche der evangelisch-lutherischen Kirche nach mehr Eigenständigkeit. Auch wenn Finnland bis 1917 ein Großfürstentum Russlands war, hatte die schwedische Monarchie Finnland kulturell fest im Griff. Erst die Oktoberrevolution ebnete den Weg zur Unabhängigkeit. Noch erinnert in Helsinki eine große Leninbüste daran. Eine eigenständische finnische Kultur zu entwickeln blieb eine Aufgabe bis ins letzte Jahrhundert hinein.

Die inneren Werte des Doms zu Turku schlagen allerdings neue Brücken zu Altenberg. Die imposante Orgel von Veikko Virtanen lässt derart hohe Frequenzen erklingen, dass sie nur von geübten Musikern, Kindern oder Hunden wahrgenommen werden können. Die beeindruckende gotische Architektur erschließt sich nur dem, der das Gotteshaus betritt. Unsere Fremdenführerin Marja-Leena Vira, im Hauptberuf rüstige Rentnerin, modisch gekleidet mit Sneakers und Silbertäschchen unterm Arm verrät uns in fließendem Deutsch von der Geschichte Turkus. Schon der Name ist Programm, kommt aus dem Altrussischen und bedeutet Handelsplatz. Es war die erste finnische Stadt, die im Mittelalter eine Lizenz zum Außenhandel, namentlich mit der deutsche Hanse hatte. So gut liefen die Geschäfte, erzählt sie mit sonorer Stimme, dass eine deutsche Gemeinde mit deutschem Bürgermeister am Ufer des Aurajoki Flusses, der Turku in zweite Teile teilt, entstand. Wir folgen unserer Führerin auf den Kirchplatz. „Hier am Bischofssitz wird seit 1320 an Heiligabend der Weihnachtsfrieden ausgerufen“, klärt Sie uns auf. „Wer den drei Tage währenden Frieden bricht, wurde bis ins 19. Jahrhundert mit einer doppelt so hohen Strafe wie üblich verurteilt.“ Danach wird die Nationalhymne gespielt, die von dem Vater der finnischen Musik Frederik Pacius – einem Deutschen komponiert wurde. Sofort macht die Bitte die Runde, ob sie uns diese vorsingen könne, was die alte Dame lächelnd ablehnt: „ Die kommt doch um 12 Uhr im Radio.“ Noch heute wird die Proklamation des Weihnachtsfriedens von vielen Finnen live im Fernsehen oder am Radio verfolgt.

Im Gänsemarsch zieht es uns zum Bus um den Rest der Stadt zu sehen und endlich das Hotel, denn ohne „Kaffee Brutal“ fallen dem einen oder anderen bereits die Augen zu. Ein letzter Blick auf den Fluss mit seinen zwölf Restaurantschiffen, die nicht mehr das Meer erreichen können weil sie größer als die neuerbauten Brücken sind, dann geht es endlich zum Radisson Blue zum Koffer Auspacken. Am Abend steht „Viikinkiravintola Harald“ auf dem Programm. Ein echtes Wikingermahl. Doch davon mehr beim nächsten Mal.

Gruppenfoto vor dem Weißen Dom in Helsinki.

Teil 2:

Waren Sie schon mal auf dem Drachenfels und haben dort „typisch deutsch gegessen“, obwohl sie eigentlich Japaner sind? So ähnlich ergeht es mir, als unsere Odenthaler Reisegruppe am ersten Abend unserer Finnlandreise im „Viikinkiravintola Harald“ einkehrt. Ein Restaurant, dessen Holztische so grob zusammengezimmert scheinen, als hätten die Wikinger sie noch mit ihren Steinäxten behauen. Die Kellnerinnen bedienen in bodenlangen, sittsamen Kleidern, kommen mit Kopftuch und Holzclogs daher. Auf der Karte geben sich Rentiere, Elche und anderes nordisches Getier die Ehre. Ihre Felle hat man sorgfältig gekürschnert und auf grobe Holzbohlen an die Wände gespannt. 

Ich gönne mir ein Rentiersteak mit Wildschweinwurst. Serviert auf irdenem Teller mit sämiger Preiselbeersoße, die der Finne statt Ketchup einsetzt. Zum Glück gibt es Bier, in Finnland auch Öl genannt, natürlich im Tonbecher. Insbesondere die Wildschweinwurst verlangt nach einer kräftigen Gerstensaftölung. Gewöhnungsbedürftig sind auch die Preise für das so bitter benötigte Bier: 0,5 Liter für fünf Euro.

Auf dem Fußweg zurück ins Hotel kommt mir unsere Fremdenführerin Marja-Lena Vira in den Sinn „2.700 Euro verdient der Finne durchschnittlich im Monat und zahlt davon 35 Prozent Steuern.“ Wie viel Prozent mag da wohl noch für Öl übrig bleiben? Der Finne ist Biertrinker, ebenso wie der Deutsche. 600 Flaschen gönnt er sich im Jahr, während wir uns mit 800 zufrieden geben. Aber dem Finnen ist sein Hobby wahrlich etwas mehr wert. Es mag eine der Spätfolgen der Prohibition sein, die auf dem Land erst 1968 aufgehoben wurde. Dass das Brennen von Alkohol bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine der Haupteinnahmequellen finnischer Bauern war, ist wahrscheinlich ebenso wie die einstige Weltmarktführerschaft bei Handys den langen Winternächten geschuldet. Wenn die Sonne für 51 Tage nicht aufgeht muss man sich irgendwie die Zeit vertreiben. Die kurzen Sommer sind dafür umso regenreicher. Eine Laune der Natur, die uns Bergischen genauestens bekannt ist. 

Am nächsten Morgen erwartet uns ein gut gelaunter Markus Wißkirchen am Reisebus, der uns von Turku in die Partnerstadt Odenthals nach Paimio bringt. Nachdem die morgendlichen Ration Flüssignahrung „Lapin Kulta“ verteilt ist, stimmt der Odenthaler Gastronom, der nebenberuflich auch im historischen Gewand als „Graf von Berg“ unterwegs ist, das Bergische Heimatlied an. So gleiten wir über die Autobahn, und ich wundere mich über seltsame Anzeigetafeln, auf denen neben der Höchstgeschwindigkeit auch die Temperatur der Luft und des Asphaltbelags angezeigt werden. 

Paimio liegt im Südwesten, eine knappe halbe Stunde von der ehemaligen Hauptstadt Turku entfernt. Seit der Schließung des letzten Nokia-Werkes in der Nachbargemeinde Salo, hat auch die 10.000-Einwohner-Gemeinde Paimio mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Der Bus fährt uns an den typischen nordischen Holzhäusern mit weiß abgesetzten Fensterlaibungen vorbei zum Rathaus, das in einem modernen, lichtdurchfluteten Flachbau untergebracht ist. Im Eingangsbereich lächelt uns bereits das Empfangskomitee entgegen. Oberbürgermeister Jari Jussinmäki schüttelt jedem unserer 16-köpfigen Reisegruppe persönlich die Hand.

Erstaunlich welch freundliche Architektur dieses Rathaus hat. Im Eingangsbereich ist ein offenes Selbstbedienungsbistro und gleich nebenan auf zwei Etagen eine große Leihbücherei untergebracht. Bei einem Begrüßungskaffee (brutal*) werden Erinnerungen ausgetauscht. Der Bürgermeister outet sich als Karnevalsfan und erinnert sich an die roten Pappnasen, die er in Odenthal geschenkt bekam. Richard Pyka hat ihm handgestrickte Trostteddys für die örtlichen Kindergärten mitgebracht. Jussinmäki nimmt sie strahlend entgegen. Den Übersetzer spielt übrigens der örtliche stellvertretende Schuldirektor Kari Kaunismaa, der hervorragendes Deutsch spricht, wahrscheinlich, weil er einen Zweitwohnsitz in Berlin sein Eigen nennt. Er geleitet uns zum gegenüberliegenden Vista Schulzentrum. Deutsche Fahnen wehen am Straßenrand. Kaunismaa führt uns durch die Klassenräume im Erdgeschoss: „Mit 13 Jahren haben unsere Schüler bereits vier Jahre praktische Ausbildung hinter sich,“ erläutert er und zeigt uns die Schreinerei mit computergesteuerten Sägemaschinen, wo sich Schüler im Bau von Lautsprecherboxen üben. Im Raum nebenan löten 13-Jährige Platinen für einen elektronischen Diebstahlalarm zusammen. Zwei Stunden pro Woche gibt es praktischen Unterricht. Im Kellergeschoss liegt ein großes Schwimmbad. Jussinmäki kennt nur einen von 700 Schülern, der im letzten Schuljahr nicht Schwimmen gelernt hat. 

Weiter geht es mit der Stadterkundung per Bus. An der einzigen Ampel der Gemeinde vorbei, durch pittoreske Holzhaussiedlungen und entlang moderner Architektenhäuser. Der Ort ist weitläufig mit viel Platz zwischen den Häusern. Erst 1997 habe man die Stadtrechte erhalten, berichtet Bürgermeister Jussinmäki, und man rechne mit 100 neuen Einwohnern pro Jahr. Ihnen bietet man in den Neubaugebieten Grundstücke zwischen 1000 und 1500 qm Größe an. Der Preis liege bei 40.000 Euro, doch seitdem Nokia sein Werk geschlossen habe, seien die Preise gefallen. 400 Arbeitslose habe die Pleite alleine in Paimio verursacht. Die Arbeitslosigkeit sei auf acht Prozent gestiegen. Trotzdem habe man eine neue Bücherei gebaut, und da der Staat das Projekt fördere, gleich ein neues Rathaus hochgezogen, lächelt er verschmitzt. 

77.000 Bücher für 10.000 Einwohner in Paimios öffentlicher Bücherei.

77.000 Bücher bietet die Bücherei jedem ab dem ersten Schuljahr. Im computergesteuerten Verbund mit den Nachbargemeinden sind es über 500.000. Das Ausleihen funktioniert per Selbstbedienung: Man schiebt das durch Magnetstreifen gesicherte Buch oder die DVD über einen Scanner und kann es ungefragt mit nach Hause nehmen. 

Der ganze Stolz der Kleinstadt ist der im nahen Kiefernwald gelegene Krankenhausbau des Architekten Alvar Aalto, der 1933 fertiggestellt wurde. Tuberkulose war zwischen den Weltkriegen eine weitverbreitete Krankheit in Finnland, und Alto wollte bereits mit der Architektur des Sanatoriums zum Heilungsprozess der Patienten beitragen. Ruhe und frische, saubere Luft waren vor dem Einsatz von Antibiotika die einzige Therapie bei Tuberkulose. Aalto ließ deshalb eine Strahlungsheizung installieren, deren Heizkörper sich unter der Decke befanden. Im Gegensatz zu den heute verbreiteten Konvektions- und Fußbodenheizungen, wirbelt diese keinen Staub auf und erhitzt auch nicht die Atemluft. Stattdessen nutzt sie das Prinzip der Sonnenstrahlung, wie wir es vom Skiurlaub kennen. Trotz Minusgraden kann man in der Sonne baden. Um die Staubentwicklung weiter zu minimieren, ließ Aalto Fensterbänke und Wandkanten abrunden. Überall im Haus begegnet man glatten Flächen und runden, organischen Formen. Die Patientenschränke hängen an den Wänden, um das Saubermachen zu erleichtern. Auf jeder Etage gibt es überdachte Sonnenbalkone, die Frischlufttherapie auch bei schlechtem Wetter ermöglichten.  

Die Atmung der Patienten unterstützte er auch mit dem Paimio-Sessel, dessen speziell geformte Rückenlehne den Brustkorb nach vorne drückt und die Atmung erleichtert. Heute ist der Sessel ein Design-Klassiker.

Unsere Stadtrundfahrt geht weiter übers Land, an den Bauernhöfen Paimios vorbei, zur zwischen Feldern gelegenen St. Jacobs Kirche und schließlich zu Kaffee und Kuchen bei Reijo Kallisto. Der ehemalige Bauernsohn sitzt heute im Rat der Stadt und arbeitet beim Flughafenzoll. Die Begrüßung ist herzlich und kölsch. Auf dem CD-Player drehen sich die Höhner. Man kennt sich schon aus Odenthal. Sein Haus hat der Familienvater selbst gebaut, einschließlich der drei Saunen, die er und seine attraktive Gattin uns stolz vorführen.

Die Rauchsauna ist die Ur-Sauna. Und diese steht gleich anschließend auf dem Programm. Eine Holzhütte mit Durchzug, die mit offenem Feuer vorgeheizt und ordentlich durchgeräuchert wird. Nachdem man den Rauch abgelassen hat, geht‘s ans Saunieren. Neben mir nimmt Bürgermeister Jussinmäki Platz und reicht mir eine Dose mit wildem Bärenetikett: Karhu. Bier in der Sauna? Ist mir neu, ebenso wie die Frischluft die durch die Ritzen strömt und die stechende Hitze erträglich macht. „Der klare Tag ist vorbei“, prostet er mir zu. Der Abend scheint lustig zu werden.

Die wilden Wikinger aus Odenthal im Viikinkiravintola Harald Restaurant in Turku.

Und das wird er. Es wird scharf gegrillt. Doch zeigt insbesondere die Wildschweinwurst die Neigung, auf unseren Tellern zu einer breiartigen Konsistenz zu zerfallen. Meine Tischnachbarin deutet auf meinen Löffel: „Damit geht‘s!“ Doch das in der Zinkwanne eisgekühlte Karhu Öl, heute mit sechs Promille, hilft erneut über die finnische Cuisine hinweg und besiegelt neue Freundschaften. Man spricht Englisch, mit Deutsch abgeschmeckt oder einfach mit Händen und Füßen. Der Bürgermeister bietet mir das Du an und Markus Wißkirchen stimmt erneut das Bergische Heimatlied an. Doch halt, woher wissen unsere finnischen Freunde eigentlich, was wir da in die untergehenden Sonne schmettern? Kurzerhand steigt der kleine „Ritchie“ Pyka auf einen Stuhl. Kari Kaunismaa eilt zur Unterstützung herbei und dann geht es los. Wißkirchen intoniert, Ritchie stellt das ganze pantomimisch dar und Kari übersetzt dem johlenden Publikum auf finnisch. Lachsalven erschüttern die Grillhütte. Und selbst Zeilen wie „Wo die Schwerter man schmiedet dem Lande zur Wehr, wo´s singet und klinget…“ nehmen uns die Gastgeber nicht übel. Haben wir eigentlich die letzte Strophe – „Mit Gott für den Kaiser, für‘s Bergische Land“ – auch mitgesungen?

Am nächsten Tag ist eine Bootsfahrt durch die Schären angesagt, eine Slalomfahrt durch hunderte von kleinen Inseln vor der Küste. Hier gibt uns Tina früh morgens eine kleine Retourkutsche auf die gestrige Kaiserstrophe. Sie zeigt auf einen großen nackten Felsen: „Den haben wir im zweiten Weltkrieg wie ein Kriegsschiff ausgeleuchtet und so die Deutschen von der Hafeneinfahrt von Turku abgelenkt. Wochenlang haben sie ihn vergeblich bombardiert und wir haben jeden Tag einfach neue Lampen aufgestellt.“

 Weiter geht es nach Naantali zur finnischen Riviera. Ein wunderschön pittoreskes Touristendorf, wo der Präsident seinen Sommersitz genießt, man aber im Oktober schon die Bürgersteige hochklappt. „Gastronomen und Saisonarbeiter zieht es in den Norden, wo bereits die Wintersaison beginnt“, erklärt man uns. Der Kapitän unserer kleinen Schaluppe lädt uns zum Grillen am Strand ein. Es gibt Wurst, mehr will ich dazu nicht sagen, und ja, es gibt zum Glück auch Lapin Kulta. Mit 5,2 Promille übrigens.

Der letzte Tag unserer Reise führt uns zurück nach Helsinki. Viel Zeit bleibt nicht für die Designhauptstadt Europas 2012. Nachdem Helsinki 1808 einer Feuersbrunst zum Opfer fiel, dürfen im Stadtzentrum keine Holzhäuser mehr gebaut werden. Zar Alexander der I. beauftragte deswegen den deutschen Architekten Carl Ludwig Engel, das Stadtzentrum im klassizistischen Stil neu zu errichten. So entstand Helsinkis weißer Dom, die Universität und das Senatsgebäude um einen weiträumigen Platz herum. 200 Jahre dauerte die russische Herrschaft. Noch heute künden zahlreiche orthodoxe Kirchen davon. Im Hafen wird der ehemalige Palast des Zaren mit einem eigenen Anlegesteg gerade komplett restauriert. Zur Winterzeit mussten Eisbrecher den Weg zum Palast freihalten. Heute kann eine Eigentumswohnung mit Meerblick gegenüber dem Jachthafen gut und gerne zehn Millionen Euro kosten. 

Unsere letzte Station in Helsinki ist der in den Granitfelsen gesprengte Felsendom mit seiner gigantischen freitragenden Kupferdecke. Das durch die 180 Dachfenster hereinfallende Tageslicht spiegelt sich blau und lilafarben im Kupfer der großen Empore und zaubert flirrende Lichtspiele auf den Boden des Gotteshauses. Die fünf bis acht Meter hohen Kirchenwände bestehen aus unbehauenem Fels. Kondenswasser tropft von ihnen herab. Selbst das Taufbecken ist auf drei grob behauene Gneisblöcken gebettet. 

Einer unserer letzten Eindrücke von Finnland ist eine Gruppe fröhlich singender Jugendlicher, die sich neben uns auf der majestätischen Außentreppe des weißen Doms zum Gruppenfoto eingefunden hat. Dort wo vor 150 Jahren Zar Nikolai der I. Militärparaden abnahm, schallt es nun über den Platz: „Wir haben nur noch 100 Tage Schule und wir haben euch nichts zu bieten als unsere Jugend.“

Paul Kalkbrenner ist Herausgeber des Bergischen Boten. Der gelernte Schriftsetzer studierte in Köln Visuelle Kommunikation und arbeitete als Designer, Fotograf und Redakteur unter anderem für Musikexpress, Prinz und die Autozeitung. In den 90er Jahren war er mit T-Shirts wie "Keine Macht den Doofen" erfolgreich. 2008 gründete er den Bergischen Boten. Er entspannt sich bei Gartenarbeit und ist leidenschaftlicher Musikfan. Er wohnt mit seiner Familie in Kürten.