Die neue Stadtflucht

Ganz fertig ist so ein Garten nie: Andy und Laura Steidl arbeiten mit Sohn Benjamin am Pool hinterm Haus.

Bergisches Land Wer Laura und Andy Steidls Haus in Wermelskirchen betritt und an der Küche vorbei geht, gelangt ins Wohnzimmer. Und von da, am Klavier vorbei, auf die Terrasse, die den Blick in den Garten samt Pool eröffnet. Ein Idyll, ohne Zweifel. Häuser wie das der Steidls gibt es in Rhein- und Oberberg zu hunderten, vermutlich sogar zu tausenden. Und doch ist es für die beiden etwas Besonderes. „In Köln hätten wir für das Geld wohl nur eine Drei-, vielleicht auch eine Vierzimmerwohnung bekommen”, sagt Andy Steidl.

Vor vier Jahren sind die beiden aus Köln nach Wermelskirchen gezogen. Hauptgrund war Andys Stelle als Lehrer am Gymnasium in Radevormwald. Praktischer Nebeneffekt sind das eigene Häuschen mit Garten. Aber auch Ruhe und gute Luft. Und genügend Parkplätze.

Die Steidls folgen einem Trend: Junge Familien verlassen die Großstädte und ziehen „aufs Land”. 2014 verloren die sieben größten Metropolen des Landes, darunter Köln, erstmals mehr Einwohner, als neue hinzukamen. Wohin diese Menschen ziehen, wird statistisch kaum erfasst. Auffällig sind aber zwei Dinge: Zum einen gewinnen die Landkreise im Umfeld etwa im gleichen Umfang Einwohner hinzu, wie die Großstädte verlieren. Und zum anderen sind dabei zwei Altersgruppen überrepräsentiert: Die 30- bis 50-Jährigen und Kinder.

Versucht man die Gründe dieser „Stadtflucht” zu erfassen, kommt vielerlei zusammen. Der gemeinsame Nenner sind aber meist Kinder. Die ändern offensichtlich alles, vor allem aber die Kriterien für die Wahl des Wohnortes. Wenn der Nachwuchs da ist, verliert die Attraktivität der Großstadt, zum Beispiel das kulturelle oder gastronomische Angebot, an Bedeutung. Und die Vorzüge der Kleinstadt, gute Schulen, Betreuungsangebote, Zugang zur Natur und vor allem bezahlbarer Wohnraum, werden wichtiger.

Designermöbel von Bauhauskünstlern wie Mies van der Rohe sind die Leidenschaft von Bergbauingenieur  Jan Lückhoff.

Designermöbel von Bauhauskünstlern wie Mies van der Rohe sind die Leidenschaft von Bergbauingenieur Jan Lückhoff.

So war es auch bei Jan Lückhoff. Als er Anfang des Jahres einen neuen Job in Hilden bei Düsseldorf antrat und mit Frau und Kindern aus dem Süddeutschen herzog, schaute sich die Familie erst in Düsseldorf um. „Aber die Preise da sind ja völlig illusorisch”, sagt Lückhoff. Und so erinnerte er sich an seine Jugend zwischen Burscheid und Opladen. In Burscheid, unweit des Vital Bades, wurde er fündig und kaufte für seine Familie ein Haus.

Das Haus, so sagt er, war aber nur ein Grund, nach Burscheid zu ziehen. Die Stadt habe auch so viel zu bieten. Die Töchter besuchen „gute Schulen”, wie Lückhoff sagt. Die Burscheider City wirke lebendig und die kommunalen Einrichtungen, von den Stadtwerken bis zur Verwaltung, überaus rege. „Die verwalten nicht nur den Niedergang, wie es sonst auf dem Land oft ist”, sagt Lückhoff. Stattdessen habe man das Gefühl, der Ort habe Zukunft. Wohl auch dank der guten Verkehrsanbindung. „Eine Freundin meiner Frau wohnt in Köln. Wenn die beiden sich am Dom treffen, ist meine Frau meist schneller da”, sagt Jan Lückhoff. Er komme gut zur Arbeit nach Hilden. Und auch im Ruhrgebiet sei man dank der A1 relativ schnell.

Davon profitieren auch Vermieter. „Nicht jeder, der zu uns aufs Land zieht, kauft gleich ein Haus”, sagt Thomas Nebgen, Vorstandsvorsitzender der GBS. Die Hückeswagener Baugenossenschaft vermietet rund 1.300 Wohnungen in der Region, auch in Burscheid. Vor zehn Jahren noch standen mehr als zehn Prozent davon leer, heute weniger als ein Prozent. „Das ist auch der gestiegenen Nachfrage zu verdanken”, sagt Nebgen.

Im Gegensatz zu gewerblichen Investoren sei eine Genossenschaft nicht auf Gewinnmaximierung ausgelegt, betont Thomas Nebgen. Dadurch könne man einen fairen Umgang mit dem Mieter bieten. Und vor allem günstige Miet- und Immobilienpreise. Denn das, sagt Nebgen, sei immer noch der Hauptgrund, aufs Land zu ziehen.

Der Hauptsitz von Opitz-Consulting in Gummersbach-Nochem: Im ehemaligen Stall sind Schulungs- und Konferenzräume untergebracht.

Der Hauptsitz von Opitz-Consulting in Gummersbach-Nochem: Im ehemaligen Stall sind Schulungs- und Konferenzräume untergebracht.

Und was für Familien gilt, gilt teils auch für Firmen. Opitz Consulting ist im IT-Bereich tätig, unter den mehr als 600 Kunden findet sich das Whoiswho der deutschen Wirtschaft, darunter auch rund zwei Drittel der DAX-Unternehmen. Eine solche Firma würde man eigentlich eher in einer Metropole vermuten. Doch der Hauptsitz von Opitz Consulting befindet sich in Gummersbach. 1990 gründete Bernhard Opitz das Unternehmen zusammen mit Rolf Scheuch und Peter Dix in Bensberg. Als der erste Firmensitz zu klein wurde, ging man auf die Suche nach einem neuen Standort. „Wir wollten Werte schaffen”, sagt Bernhard Opitz heute. Und das bedeutete vor allem, eine Immobilie zu erwerben. „Das wäre damals schon in Köln unbezahlbar gewesen.” Und so landete man in Nochen, einer Ortschaft von Gummersbach.

Opitz ist gebürtiger Saarländer. Die Entscheidung für das Oberbergische, betont er, sei keine emotionale gewesen. „Hätten wir etwas Vergleichbares in Leverkusen gefunden, wären wir dahin gegangen.” Doch aus der Sachentscheidung ist längst mehr geworden. Auf einem ehemaligen Bauernhof ist eine Denkfabrik im Grünen entstanden. Mit eigener Bio-Rinderherde, deren Fleisch im eigenen Hofladen und in der eigenen Kantine angeboten wird. Eine Photovoltaik-Anlage erzeugt Strom, ein separater Wasserkreislauf versorgt die Toilettenspülungen mit Regen- statt Leitungswasser und im ehemaligen Gülletank wird die Wärme des Sommers für den Winter gespeichert.

Diesen außergewöhnliche Standort nutzt die Firma längst auch fürs Marketing. Vor allem beim Recruiting. In einer Branche, in der viele Mitbewerber Massensoftware nutzen, möchte Opitz Consulting individuelle Lösungen entwickeln. Man ist anders. Und braucht auch andere Mitarbeiter. Bis zu 80 neue stelle man im Jahr ein, sagt Bernhard Opitz. Der Firmensitz im Grünen helfe dabei, die richtigen zu finden.

Bernhard Opitz in seinem Büro auf dem ehemaligen Bauernhof.

Bernhard Opitz in seinem Büro auf dem ehemaligen Bauernhof.

Zum Beispiel Alexander Ludwig. Der 37-jährige Senior IT-Consultant hat in Sydney, Köln und Frankfurt gelebt, bevor er seine Stelle in Gummersbach antrat. Aus Köln zur Firma zu pendeln, wäre eigentlich kein Problem, sagt er. Doch Alexander Ludwig ist inzwischen verheiratet und Vater eines Sohnes. „Hat man Kinder, braucht man die Cocktailbar vor der Tür nicht mehr.“ So zog die kleine Familie in ein 220-Einwohner-Dorf im Süden Oberbergs. Einziger Nachteil, den Ludwig daran ausmachen kann: Man braucht ein zweites Auto. „Aber wir fahren sowieso nicht so gerne Bus.”

Trotzdem kommen mit den jungen Familien auch neue Herausforderungen auf die Region zu, sagt Dr. Hermann-Josef Tebroke. Der Landrat des Rheinisch-Bergischen Kreises beschäftigt sich seit Jahren mit der Entwicklung des ländlichen Raums. Er freut sich über jede Familie, die in die Region zieht. Weiß aber, dass die Menschen auch gewisse Ansprüche mitbringen.

Vor allem an die Infrastruktur. Flexiblere Kinderbetreuung, nennt er ein Beispiel. Aber auch den ÖPNV und die Straßen. Und natürlich der Breitbandausbau. „Trommeln ist halt blöd”, lacht Tebroke – und weist darauf hin, dass gute Internetverbindungen ja auch Arbeit im Home-Office ermöglichen. Und damit die Straßen entlasten.

Tebroke weiß, wie es ist, ins Bergische zu ziehen. Er kam 2001 mit seiner Familie in die Region. „Wir haben uns sehr schnell eingelebt”, erinnert er sich. Dabei hätten die Vereine im Ort aber auch die Kirche sehr geholfen. „Dieser Integrationswille muss aber da sein”, sagt Tebroke. Bei den Einheimischen. Und auch bei den Zugezogenen. Die kann der Landrat nur davor warnen, den Weg aufs Land allzu blauäugig anzutreten. „Landluft riecht auch schon mal nach Gülle”, sagt Tebroke bildhaft. Eine Aussage, die Laura Steidl wohl unterschreiben würde. Nach vier Jahren in Wermelskirchen hat sie sich längst mit der Situation arrangiert. Und doch denkt sie mit Schaudern an den Tag zurück, als ihr Mann Andy ihr offenbarte, dass er eine Stelle in Radevormwald angenommen habe. Laura ist ein echtes Großstadtkind, aufgewachsen in einem Kölner Vorort, nach dem Abi direkt Richtung City gezogen. Da wirkte Wermelskirchen anfangs als sei sie abgeschnitten von ihrem bisherigen Leben.

Würde sie sich mit ihrem heutigen Wissen nochmal für einen Umzug ins Bergische entscheiden? Laura zögert. „Zumindest nicht direkt”, sagt sie. Mutter werden und gleichzeitig den Wohnort wechseln, das sei zu viel auf einmal gewesen. „Heute würde ich all diese Veränderungen langsamer angehen wollen. Trotzdem gut möglich, dass wir wieder in Wermelskirchen landen würden.”

Das Wohnzimmer der Steidls: Am Klavier vorbei geht es in den Garten, vor dem Klavier warten zwei Schaukelpferde auf ihren Einsatz.

Das Wohnzimmer der Steidls: Am Klavier vorbei geht es in den Garten, vor dem Klavier warten zwei Schaukelpferde auf ihren Einsatz.

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

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