Liebeserklärung an eine alte Stadt

Darf und kann man eine Stadt lieben? Oh yes – you can! Die Liebeslieder an Köln zum Beispiel füllen ganze Bibliotheken. Und selbst wenn seine Stadt nicht gerade durch Anmut glänzt, singt unser Herbert trotzdem: „Du bist keine Schönheit, dein Kleid ist ganz grau…“ und dann: „Bochum, ich häng an diiiieeer..!“ – und er singt es so berührend, als wäre es ein Lied an eine Geliebte.

Meine Heimatstadt ist uralt. Seit vielen Jahrhunderten liegt sie zwischen den grünen Hügeln des Bergischen und taucht ihre Füße in die Wellen der Wupper. Ja, auch sie ist keine glänzende Schönheit. Und manchmal könnt ich vor Wut platzen, wenn ich wieder einmal im Wipperfürther Verkehrschaos stecke. Auch sie birgt Bausünden die weh tun. Der „Kölner-Tor-Platz“ ist kein Platz, sondern eine Strassenkreuzung. Und das wunderschöne EvB-Gymnasium wird durch einen Anbau erdrückt, welcher durch seine massige Hässlichkeit regelrecht übergriffig wirkt. Und dennoch. Wenn ich unseren Marktplatz, trotz Missbrauch als Parkplatz, erblicke, wird mir ganz warm ums Herz. Ich sehe dann den kleinen Willibert an der Hand seiner Mama über diesen Platz morgens in die große dicke Nikolauskirche gehen, die wie eine Glucke in der alten Stadt sitzt und die verschieferten Häuser wie Küken um sich schart. Und damit ist der wirkliche Grund genannt, warum man eine Stadt lieben kann. Sie ist Sinnbild von Heimat und Geborgenheit. Es gibt wohl kaum ein Gefühl und eine Sehnsucht, die so stark ist wie Heimweh. Nicht umsonst kommt unser Begriff „Elend“ von „Ex-Land“ also fern der Heimat sein. Deshalb liebe ich meine Stadt und ja, ich bin auch stolz auf ihre Geschichte. Zum Beispiel ist es kein „Schönreden“ wenn man behauptet, dass Wipperfürth nie eine wirkliche Chance bei den Nazis hatte. Nicht, weil die Wipperfürther aussergewöhnlich demokratisch und widerständige Helden waren. Nein, ganz einfach weil sie immer schon knochenkatholisch waren. Und der einzige Adolf, den sie verehrten, war Adolf Kolping. Jeder Führerkult, der sich nicht auf den Herrjott bezog, war den Wipperfürthern höchst suspekt. So schrieb der „Völkische Beobachter“ in den 30er Jahren: „Wenn die Stadt Wipperfürth an „Führers Geburtstag“ ihre Staßen so prächtig schmückt wie bei ihrer Mai-Prozession, dann hat die nationale Bewegung gesiegt.“ Hat sie in Wipperfürth aber nie. Mein Onkel Albert erzählte mir oft folgende wahre Geschichte: „Einmal kam der Gauleiter in unseren Laden und verlangte, dass auch wir an „Führers Geburtstag“ unser Hitlerbild, was wir natürlich besitzen sollten –  „fie horren äwwer kinnes“(„wir hatten aber keines“) – also wir sollten gefälligst jenes Bild zum Geburtstag des Führers ins Schaufenster hängen. „Wat häv fie jematt? An däm Dach dat Foto vom Hitler us der Zeitung usjeschnitten un jerahmt in de Badewanne jestellt die jo immer in unserem Schaufinster stung.“ Die Weddings hatten ein Installateurgeschäft und seit gefühlt hundert Jahren eine Badewanne als Ausstellungsstück im Schaufenster stehen. Diese Badewanne stand solange im Laden bis auch der letzte meiner Onkel und Tanten, die im Weddings-Haus am Markt lebten, gestorben war und das Haus verkauft wurde. Tja, so waren die Wipperfürther Originale. Wie zum Beispiel Theo Löser. Sein Standardspruch lautete: „Wat is der Unterschied zwischen dem Herrjott un mir? Der Herrjott is der Erlöser un ick bin der Herr Löser.“

Theo Löser war nach dem Krieg  bei der Stadtverwaltung dafür zuständig, die äusserst knappen Wohnungen zu verteilen. Als nun der junge Studienreferendar Willi Klein (bei uns Gymnasiasten später Knigges genannt ) auf eine Wohnung spekulierte und Theo Löser mit dem Satz beeindrucken wollte: “Ich bin in der Jungen Union!“, antwortete dieser: „Wat heißt hier: Junge Union?! Wenn se von der Dortmunder Union kämen, wäret mir lieber.“

Ach ihr alten Wipperfürther, ich liebe euch. Und meine alte Stadt auch.

Von Herzen: Willibert

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.

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