Aus der Sakristei ins Buch

Martina Junghans und Pfarrer Lambert Schäfer in der Sakristei von St. Nikolaus. Hier lagern unter anderem die prunkvolle Scheibenmonstranz, das Lieblingsstück des Pfarrers, und der rund 700 Jahre alte Kelch. Diese und weiter Stücke stellt Junghans in ihrem neuen Buch vor.

Wipperfürth Das Buch selber ist optisch eher schlicht – der Inhalt dafür umso prachtvoller: Unter dem Titel „Verborgene Schätze“ hat die Kunsthistorikerin Martina Junghans ein Buch über die Goldschmiedearbeiten in den Wipperfürther Kirchen veröffentlicht. Für eine Pfarrei im ländlichen Raum verfüge Wipperfürth über eine außergewöhnlich gute Ausstattung, sagt Junghans. „Und mit diesem Buch bringen wir viele Stücke, die sonst eher im Verborgenen ruhen, in die Öffentlichkeit.“

Vier Jahre lang, von 2010 bis 2014, war Martina Junghans an der Inventariesierung in der Gemeinde St. Nikolaus beteiligt, mehr als 1.300 Stücke von der Glocke über die Kirchenbank bis zum Kirchenfenster wurden erfasst, fotografiert und dokumentiert. Dabei stieß die Bergisch Gladbacherin immer wieder auch auf ungewöhnliche Goldschmiedekunst, vor allem auf Kelche und Monstranzen, die in den Tresoren der Gemeinde lagerten. Die besonders wertvollen Stücke würden nur noch sehr wenig im Gottesdienst verwendet, so Junghans. „Oft sind sie einfach zu empfindlich, außerdem gibt es viele Gegenstände auch doppelt und werden deswegen kaum noch benötigt.“

So wie der vergoldelte Silber-Kelch, der das Titelbild des neuen Buches ziert. Auf welchem Weg der genau in die Pfarrei gelangt sei, könne man heute kaum noch nachvollziehen, sagt Lambert Schäfer, leitender Pfarrer der Gemeinde. Vermutlich wurde der Kelch im 16. Jahrhundert der Gemeinde geschenkt. Entstanden ist er aber schon im 14. Jahrhundert in Paris. Nur noch zweimal im Jahr, so den höchsten Feiertagen, nutzt Schäfer den Kelch: „Natürlich wollen wir dieses besondere Stück vor Abnutzung schützen.“

Gleichwohl betont der Pfarrer, dass alle Stücke aus dem Buch grundsätzlich noch im Gebrauch seien. „Wir sind ja kein Museum“, sagt Schäfer. Manchmal sprechen aber auch praktische Gründe gegen eine allzu rege Nutzung. Schäfers erklärtes Liebslingsstück ist zum Beispiel eine besonders prunkvolle Monstranze, 73 Zentimeter hoch, um 1910 in Düsseldorf entstanden. „So ein Stück würde man sonst eher im Kölner Dom erwarten“, sagt der Pfarrer, der sich noch gut an seine Begeisterung erinnern kann, als der Küster im das Stück erstmals gezeigt hat. Zu Prozessionen, zum Beispiel zu Fronleichnam, greift Schäfer aber lieber zu anderen Monstranzen. Zum einen weil er kein Risiko eingehen will, indem er dieses besondere Stück mit ins Freie nimmt. Zum anderen, weil die Monstranz einfach sehr groß ist – und damit sehr schwer. „Die kann man nicht mal eben eine halbe Stunde halten.“

Ihre Arbeit, erzählt Martina Junghans, habe einige Überraschungen hervorgebracht. So gelten Arbeiten des Kölner Goldschmieds Alois Kreiten, der unter anderem königlich-rumänischer Hofgoldschmied war, als eher selten. Die Gemeinde St. Nikolaus verfügt aber über gleich mehrere Stücke des 1930 verstorbenen Schmieds, neben drei Monstanzen auch eine silberne Taufgarnitur, die in St. Agatha in Agathaberg lagert. Warum Wipperfürth über so außergewöhnlich viele und außergewöhnlich schöne Stücke verfügt, wisse man gar nicht genau, sagen Junghans und Schäfer. Vielleicht liege es an der engen Beziehung zum Kölner Apostelstift, einem besonders reichen Stift. „Auffällig ist, dass es viele Stücke in Wipperfürth gibt, die es nahezu identisch auch im Apostelstift gibt“, sagt Martina Junghans. Und die seien eben besonders hochwertig.

Ihr eigenes Lieblingsstück ist hingegen eher schlicht. Und besonders alt. Es ist ein Weihwassereimer, der in Wipperfeld in St. Clemens lagert. Enstanden ist das Bronze-Gefäß vermutlich im 12. Jahrhundert. Dass es solche Stücke noch in der Gemeinde gebe, sei auch der Umsicht der Wipperfürther zu verdanken, sagt Junghans. In anderen Gemeinden würden Stücke, die optisch nicht mehr dem Zeitgeist entsprechen, auch schon mal entsorgt, so die Kunsthistorikerin. Die Wipperfürther hingegen hätten so ziemlich alles verwahrt. „Und natürlich hatte man auch ein wenig Glück, dass man von Diebstählen verschont geblieben ist.“

„Verborgene Schätze – Goldschmiedekunst in den Kirchen Wipperfürth“ von Martina Junghans wird nach dem Gottesdienst am Sonntag, 18. Juni, in St. Nikolaus offiziell vorgestellt, die Messe beginnt um 11 Uhr, die Vorstellung gegen 12 Uhr. Danach ist das Buch für 9,80 Euro im Pfarrbüro der Gemeinde und in den beiden Buchhandlungen der Stadt erhältlich, ab 1. August auch über den sonstigen Buchhandel.

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

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