Irres ist menschlich

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Seine Stimme und seinen Humor kennt fast jeder in NRW: René Steinberg macht seit mehr als zehn Jahren Comedy für die Radiosender des WDR. Im Mai spielt er in der Wermelskirchener Katt. Wir sprachen mit ihm über Größer-Mach-Schuhe, die Liebe zur eigenen Schöpfung und eine zweidimensionale Rigips-Pappwand.

Bevor wir mit dem Interview loslegen stelle ich mal eine ganz steile These auf: Sie sind die Comedian, bei dem die Zahl derer, die seine Arbeit kennen, und derer, die ihn selbst kennen, am weitesten auseinander gehen. Jeder in NRW hat schon mal ihre Sachen im WDR gehört, den Namen René Steinberg hingegen nur ganz wenige.

Steinberg: Da gebe ich Ihnen recht. Das ist wahr. Das finde ich aber jetzt nicht wirklich schlimm.

Wie gehen Sie damit um? Beneiden Sie Mario Barth oder sind Sie ganz froh, dass Sie auch mal in Ruhe einkaufen können?

Steinberg: Ich genieße zum einen die Radio-Arbeit machen zu können, wo man sehr viel Reichweite hat und seine krummen, kruden und teilweise auch absurden Ideen veröffentlichen kann und viele Menschen damit erreicht. Das ist ganz toll. Gleichzeitig aber habe ich ungeachtet dieser Reichweite einfach meine Ruhe im Privaten, das ist ja auch eine feine Sache. Und was das Bühnen-Werken angeht, ist ja das Schöne, dass ich noch Steigerungsmöglichkeiten habe. Ich bin jetzt auf einem für mich sehr, sehr angenehmen Niveau, muss also auch gar nicht in die großen Hallen, denke mir aber, dass da durchaus noch etwas drin ist.

Wenn Sie Radio machen, Angie und Erdi für WDR 2 zum Beispiel, dann erreichen Sie ein paar Millionen Menschen. Bei Ihrer Vorpremiere im Schauspielhaus Bergneustadt waren es vielleicht 50. Und wenn Sie im Mai in der Katt auftreten vielleicht 150. Ist das nicht schlimm?

Steinberg: Nee. Um Himmels Willen. Überhaupt gar nicht. Dass dann wirklich und tatsächlich 150 Menschen kommen, ist doch schon ganz großartig. Außerdem bin ich bei so Auftritten immer viel nervöser vorher. Die wenigen Menschen, die man dann auch alle persönlich angucken kann, die zu überzeugen, ist viel schwerer

Auch weil Sie im Gegensatz zum Radio direktes Feedback vom Publikum bekommen?

Steinberg: Ja, zumal ich im neuen Programm noch viel mehr auf Interaktion setze. Da wird keiner vorgeführt, sondern ich sage, ich will etwas mit den Menschen zusammen machen. So ein Live-Abend besteht für mich darin, dass man etwas zusammen macht. Das ist ja das Besondere am Live. Und auch das schöne. Und dass dafür dann 150 Menschen oder gar mehr zusammen kommen, das find ich schon echt toll.

Ist das der Unterschied zwischen Radio und Bühne? Oder macht das auch handwerklich einen Unterschied?

Steinberg: Das sind nicht unterschiedliche Disziplinen. Das sind völlig unterschiedliche Sportarten. Die ich beide sehr gerne ausübe. Wenn ich zuhause schreibe und bei der Produktion bastle und spreche und so weiter, das macht großen Spaß. Aber wenn ich auf der Bühne stehe, ist das was ganz anderes. Beim Radio habe ich ein bestimmten Reglement: Gagdichte, Stimme, wie man sie einsetzt, und so weiter, das ist sehr klar umrissen. Auf der Bühne kommt man raus und die eigentliche Frage ist, ob die einen mögen. Diese besondere Magie, die da passiert, dafür lassen sich wenige klare Regeln aufstellen.

Allein zeitlich macht das doch schon einen Wahnsinnsunterschied. Im Radio haben Sie knapp zwei Minuten. Auf der Bühne müssen Sie doch schon mal auf 90 Minuten kommen.

Steinberg: Auch gerne mehr, wenn man schon die Zeit miteinander verbringt. Vor allem aber geht es auf der Bühne um ganz andere Faktoren, die ganz schwer zu beschreiben sind. Pointen kommen besser oder schlechter, abhängig davon, wie ich gucke. Wie ich eine Pause mache, länger, kürzer. Wenn ich sie zulange mache, ist die Pointen manchmal schon versaut. Wenn ich kurz zur Seite gucke, eine Geste mache, solche kleinen Facetten, die da eine Rolle spielen, das finde ich unglaublich spannend.

Aber so ein bisschen Radio nehmen Sie trotzdem mit auf die Bühne, in Form von O-Tönen, die Sie während des Auftritts einspielen.

Steinberg: In so einem Live-Programm hole ich natürlich auch meine Radio-Hörer ab. Leute, die gerne die Von-der-Leyens oder den Sarko hören, die kann ich ja nicht in die Show holen und dann Gedichte von Kurt Schwitters aufsagen. Die sollen schon weiterhin mit dem bekannten Humor bedient werden. Allerdings sage ich beim aktuellen Programm auch immer, dass ich heute als “Ich” hier bin. Da blitzen schon mal die Radio-Sachen auf, spielen aber nicht die Hauptrolle. Bei “Lachen Live” haben wir das Radio-Programm auf die Bühne geholt. Jetzt bin ich auf der Bühne.

Sie haben ja auch Versprecher Ihrer Radio-Kollegen mit dabei. Haben Sie da eigentlich kein schlechtes Gewissen? Oder haben Sie mal im Sender von den Kollegen Ärger bekommen?

Steinberg: Niemals. Die haben sie sogar teilweise gefreut und fanden das lustig.

Radio-Comedy machen Sie jetzt schon seit 1997 – die Bühne ist aber erst zehn Jahre später dazu gekommen. Haben Sie so lange gebraucht, um den notwendigen Mut zu sammeln?

Steinberg: Nein. Abgesehen davon, dass ich in der Zeit eine Familie gegründet und aufgebaut habe und gar nicht der Gedanke kam, raus zu gehen, war ich anfangs auch einfach beschäftigt und zufrieden mit der Radio-Arbeit. Dann kam aber irgendwann der Gedanke, ob das, was ich da zuhause bastel und produziere, überhaupt lustig ist. Dieses Gedanke hat sich festgesetzt. Und daraus entstand dann bald ein Zug zur Bühne.

Sind Sie also aus eigener Unsicherheit auf die Bühne gegangen?

Steinberg: Nein, aus Neugierde.

Im Radio haben Sie ja viele Prominente am Start: Tatort mit Til Schweiger, Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer auf WDR 2, Erdogan mit unserer Bundeskanzlerin, Donald Trump, Sie haben in Einslive mit Reiner Calmund frittiert. Nach welche Kriterien suchen Sie sich Ihre “Opfer” eigentlich aus?

Steinberg: Gute Frage. Also wenn ich Sarkozy, Erdogan und Trump sehe, geht das offensichtlich nicht nach Sympathie.

Wobei jemand wie Trump bei Ihnen als Parodist ja geradezu anklopft. Der bettelt ja darum, dass Sie ihn sich vornehmen.

Steinberg: Ja, aber der macht es mir von allen mit am Schwersten. Bis Trump habe ich immer gesagt, dass man die Figur, die man daraus kreiert, noch ein bisschen gern haben können muss, sonst funktioniert es nicht. Das ist bei Trump jetzt nicht mehr der Fall. Den mag ich halt gar nicht. Bei Sarko war es ja noch dieses Gerne-Groß, das man ja auch beim Original gesehen hat, mit diesen albernen Größer-Mach-Schuhen oder wenn der sich auf Zehenspitzen gestellt hat, das war ja noch irgendwie süß. Bei Trump geht das nicht mehr.

Und man muss die Figur ja auch überzeichnen können, also einen oben drauf setzen. Das dürfte bei Trump auch schwierig sein.

Steinberg: Ja, auch da macht er es mir nicht ganz einfach. Das ist für mich aber ja auch die berufliche Herausforderung. Wenn man sich eine Figur aussucht, muss da schon irgendwie Fleisch dran sein, irgendwas, woran man sich abarbeiten kann. Anton Hofreiter von den Grünen zum Beispiel spricht ein wunderbares Bayerisch, ist ansonsten aber zu blass dafür. Wobei das bei Pofalla ja gerade die Herausforderung war: Stimmlich total klasse, als Person aber eine zweidimensionale Rigips-Pappwand, da ist jetzt nicht so viel zu holen vom Typ her.  Aber genau das war das Interessante. Dass ich genau dieses Dasein ganz ohne Ecken und Kanten nach vorne gezogen habe, in Verbindung mit diesem Klassen-Streber-Typen.

Den ehemaligen Kanzleramtschef Roland Pofalla bekommen Sie ja bald zurück, wenn er Banhchef wird.

Steinberg: Oh ja, das wäre ein großes Glück.

Wenn wir mal in Ihrem Leben zurückblicken: Sie haben Germanistik studiert und waren lange freier Mitarbeiter bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung – eigentlich hätten Sie Journalist werden sollen. Was ist schief gelaufen?

Steinberg (lacht): Die Frage ist, was ist nicht schief gelaufen. Ich habe einfach nach dem Studium gemerkt, was mir liegt. Und das ist eher die humoristische Verarbeitung, eher als es journalistisch eins-zu-eins abzubilden.

Nach dem Blick in die Vergangenheit, einer in der Zukunft: Was erwartet die Leute bei Ihrem Auftritt im Mai in der Katt?

Steinberg: In erster Linien ein schöner gemeinsamer Abend.

René Steinberg „Irres ist menschlich“, Freitag, 19. Mai, Kattwinkelsche Fabrik, Wermelskirchen

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.

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