Landed in Brooklyn

Sie gehören längst zur Oberklasse des deutschen Jazz. Julian (29) und Roman Wasserfuhr veröffentlichen am 24. Februar, an Romans 32. Geburtstag, ihr fünftes Album „Landed in Brooklyn“, das sie zusammen mit den amerikanischen Jazz-Größen Donny McCaslin, Tim Lefebvre und Nate Wood im legendären Systems Two Studio in Brooklyn aufgenommen haben. Wir sprachen mit den Brüdern über Wohnen bei den Eltern, den Mut, es einfach mal laufen zu lassen, und nachweislich schlechte Bands.

Bevor wir über eure Musik reden gleich mal die wichtigste Frage: Wo ist es schöner, in Brooklyn oder in Hückeswagen?

Roman: Die Mischung aus beidem macht es. Wenn ich nur hier in Hückeswagen leben würde, würde ich vermutlich irgendwann mal den Drang verspüren, hier weg zu gehen. Weil es mir einfach zu eng wäre. Aber dadurch, dass wir als Musiker immer relativ viel unterwegs sind und dann eben auch in so Metropolen wie New York, hat man natürlich so mega krasse Eindrücke. Und die nimmt dann mit nach Hause und kann die hier auch verarbeiten. Wenn man in so einer Metropole lebt und ständig diesen Flash hat, dann hat man gar nicht die Möglichkeit, das zu verarbeiten. Und gerade als Musiker verarbeitest du ja viele diese Eindrücke zu Kompositionen. Und wenn du dann aber nicht zur Ruhe kommen kannst, weil die ganze Zeit Action drumherum ist, dann ist das auch nicht gut.

Wenn man so viel rumkommt wie ihr, Aufnahmen in Brooklyn, im November wart ihr in Namibia, im Dezember in Italien, dazwischen in Köln, verändert das den Blick auf eure Heimatstadt?

Roman: Ich glaube, dass die Gefahr sehr groß ist, wenn man seinen Heimatort nicht verlässt und man nur das kennt, was rechts und links von einem passiert, dass man einen ein bisschen zu starren Blick auf die Dinge bekommt. Es macht einen einfacher offener für die Welt, man sieht andere Dinge. Ich habe früher über viele Dinge anders gedacht als jetzt, weil ich einfach viele andere Dinge erlebt habe. Und das hat natürlich auch meine Sichtweise auf viele Dinge auch hier in Hückeswagen verändert.

Julian: Ich sehe das auch so wie Roman. Gerade wenn man mal in Namibia war, wo vieles einfach ärmlicher wirkt, dann kommt man auch mal wieder ein bisschen runter. Oder wenn man in Köln war, dann weiß man Hückeswagen zu schätzen (lacht).

Aber ihr wohnt ja tatsächlich bei euren Eltern im Haus unter dem Dach. Habt ihr nie daran gedacht, mal eine eigene Bude zu beziehen. Und dann auch gleich in Berlin, Paris oder eben New York?

Roman: Ich glaube, den Drang, den andere Jugendliche verspüren, schnell nach der Schule in die große Stadt oder ins Ausland zu gehen, den hatten wir einfach nie, weil wir schon während der Schulzeit viel unterwegs waren. Als wir zum ersten mal in Boston waren, war Julian gerade mal 15. Deswegen haben wir schon so früh diese ganzen Sachen erlebt. Deswegen war dieser Drang nie da, woanders hinzugehen. Und wir haben uns ja auch immer sehr gut mit unseren Eltern verstanden. Die machen ja auch Musik und so haben wir oft auch zusammen Musik gemacht. Das hat immer ganz gut harmoniert. Dass das nicht für immer so bleibt, spätestens wenn man mal eine eigene Familie an den Start bringt, ist ja klar. Bisher klappt es aber super und für uns ist das einfach auch sehr angenehm.

Aber ihr wohnt ja auch noch beide zusammen. Geht ihr euch nie auf die Nerven?

Julian: Es ist schon manchmal anstrengend. Auch weil wir total anders ticken. Aber Roman ist ja auch oft weg (lacht).

Julian (Trompete) und Roman (Klavier) haben sieben Stücke für das neue Album gemeinsam komponiert.

Julian (Trompete) und Roman (Klavier) haben sieben Stücke für das neue Album gemeinsam komponiert.

 

Und musikalisch? Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, solo weiter zu machen oder mit anderen zu spielen?

Julian: Man denkt natürlich auch mal darüber nach, mit anderen zu spielen. Aber ich habe nie darüber nachgedacht, dass ich einen anderen Pianisten an meiner Seite haben will. Denn dass man sich musikalisch so gut kennt, ist ja auch das Gute. Das neue ist nicht unbedingt immer das beste. Außerdem ist es einfach gut, wenn man sich menschlich und musikalisch ehrlich sagen kann, was man denkt, ohne Gefahr zu laufen, einen auf die Mappe zu kriegen.

Lasst uns mal über die Platte reden. Wann ist euch klar geworden, dass das nicht einfach nur die fünfte Scheibe, sondern eine ganz große Nummer wird? Mit den Musikern in dem Studio in Brooklyn? Angefangen hat das ja wohl alles mit einem Treffen mit Tim Lefebvre in Wolfsburg.

Julian: Das ist uns nicht direkt klar geworden. Tim kannte ich schon früher von Till Brönner. Das ist halt ein Tier am Bass. Wir haben uns dann in Wolfsburg bei einem Festival getroffen, im Catering, und dann war für uns halt relativ schnell klar, dass wir ihn wollten, auch weil die Stücke, die wir geschrieben haben, mehr nach vorne gehen und nicht mehr so melancholisch sind. Aber wenn einer so spielt, dann spielt er auch viel. Wir haben ihn dann gefragt, was er davon hält. Er fand das cool, hat aber auch gleich gesagt, dass er nicht viel Zeit hat. Und er hat uns ein paar Freunde von sich empfohlen, Donny McCaslin und Nate Wood. Die beiden wohnen in Brooklyn. Und Tim wohnt mittlerweile in L.A.. Und da haben wir uns gedacht, warum wollen wir das eigentlich in Deutschland machen? Und deswegen haben wir Tim gefragt, was er davon halten würde, in Brooklyn aufzunehmen. Er fand die Idee super, auch weil das Studio cool ist. Also sind wir einfach dahin geflogen.

Wie ist das, in so einer Stadt mit so Leuten in so einem Studio Musik zu machen?

Julian: Das ist schon ein krasses Gefühl, auf jeden Fall. Aber man denkt in dem Moment gar nicht nach. Man konzentriert sich mehr auf die Musik. Man geht halt ins Studio und spielt. Und erst wenn man wieder zuhause ist, realisiert man das. Aber das Witzige ist, im Unterschied zu Deutschland, dass sich gerade diese Typen nicht wichtig vorkommen. Weil es einfach an jeder Ecke einen gibt, der noch besser spielt. Die spielen einfach, weil sie Bock drauf haben, da geht es nicht ums Prestige oder ums Geld verdienen, die machen nur Sachen, auf die sie wirklich stehen. Und deswegen fühlt man sich da wohl.  Man hat das Gefühl, das ist ehrlich, was da passiert. Hier in Deutschland scheint es bei vielen Musikern nur darum zu gehen, Erfolg zu haben.

Aber wenn es ehrlicher zugeht, wie du sagst, hat man dann nicht auch Sorge, dass einem so ein Musiker auch schon mal sagt, dass das Mist ist, was man da geschrieben hat?

Roman: Man ist natürlich immer ein wenig ängstlich. Aber inzwischen haben wir ja auch ein gewisses Selbstvertrauen in unsere Musik erlangt. Dass wir einfach wissen, ganz Scheiße ist das nicht, was wir da machen. Das hat schon irgendwie Hand und Fuß. Und wir haben denen ja auch, bevor das alles von unserem Label gebucht wurde, Demos geschickt. Und gefragt, was sie davon halten. Und die fanden das gut. Sonst hätten die das auch nicht gespielt.

Und die Art wie die das spielen hatte bestimmt auch großen Einfluss darauf, wie die Platte geworden ist, oder?

Roman: Ja, das ist wirklich eine viel authentischere Herangehensweise. Die kommen da hin, checken ihr Instrument und dann fangen die an zu spielen. Und die spielen mit Leidenschaft und denken nicht darüber nach, was damit passieren könnte, wie die Platte klingen wird oder wo wird sie rauskommt, wie sie vermarktet wird und wie ich dabei möglichst gut wegkomme. Die spielen einfach und die Musik steht im Vordergrund. Das merkt man. Das ist eine ganz andere Größenordnung. Ich habe das erst realisiert als wir zurück geflogen sind und ich in die Rough-Mixe reingehört habe. Vorher war ich schon ein wenig unzufrieden. Es war zwar cool, die Platte so aufzunehmen, aber ich war unsicher, ob das Ergebnis so gut war. Dann habe ich mir das im Flugzeug alles angehört und war echt geflasht, wie krass anders unsere Kompositionen klingen mit diesen Musikern.

Ist das Ergebnis denn völlig anders geworden, als das, was ihr euch vorher vorgestellt habt?

Roman: Es sind schon ein paar Dinge anders geworden, zum Beispiel sind Tempi einzelner Songs anders, als wir uns das beim Komponieren gedacht hatten. Manche Abläufe sind anders geworden und manche Stimmungen auch. Aber sonst ist es schon so, wie wir das vorher im Kopf hatten. Oder siehst du das anders, Julian?

Julian: Es ist schon anders geworden. Aber darauf haben wir uns ja bewusst eingelassen. Früher haben wir uns ja immer nen Kopf gemacht, dass es genau so wird, wie wir uns das vorstellen, bis ins letzte Detail. Und diesmal haben wir einfach laufen lassen. Früher haben wir auch gedacht, dass eine CD-Aufnahme absolut perfekt sein muss, weil die immer und immer wieder abgespielt wird. Und dann darf da auf keinen Fall auch nur ein Ton nicht richtig sein. Aber die ganzen perfekten Sachen sind doch scheiße. Wenn du einen Pop-Song hörst, der perfekt ist, ist das ganz sicher keiner, der für immer bleibt. Die Songs, die für immer da sind, sind die, die Eier haben.

Das bedeutet aber doch auch, dass ihr Kontrolle abgebt. Dass ihr eure Kompositionen, eure Babys, zumindest teilweise in andere Hände gebt.

Roman: Ja, aber ich glaube, dass ist grundsätzlich ganz gut, wenn man Sachen nicht immer zu starr sieht und auch mal loslässt und guckt, wie sie sich entwickeln. Dadurch ergeben sich unter Umständen ja auch viel bessere Sachen. Das Risiko ist halt größer. Man kann natürlich auf die Schnauze fallen. Wenn man von Beginn an denkt, das muss genauso so klingen, du muss die Note genau so spielen, damit es gut wird, dann wird es vielleicht gut, aber nichts besonderes. Das kann auch nach hinten losgehen. Aber in diesem Fall war es gut, weil es die Stücke nochmal auf ein anderes Level gehoben hat.

Im Studio zusammen mit Donny McCaslion, Tim Lefebvre und Nate Wood.

Im Studio zusammen mit Donny McCaslin, Tim Lefebvre und Nate Wood.

 

Bis auf einmal liegen zwischen euren Platten immer drei Jahre. Warum lasst ihr euch immer so lange Zeit?

Julian: Man kann einfach nicht jedes Jahr was neues rausbringen. Man braucht einfach Zeit, vor allem muss man viel erfahren. Es passiert zwar immer viel, aber nicht immer so, dass man sagen kann, für nächstes Jahr kann ich neue Stücke schreiben. Es kommt halt wie es kommt. Vielleicht sind es beim nächsten mal vier Jahre oder sogar fünf. Oder auch nur ein halbes.

Roman: Bei der “Running”, also der letzten Platte, war es zum Beispiel auch so, dass da drei Songs drauf sind, die haben wir schon vor zehn Jahre geschrieben, die fanden wir damals aber kacke. Und dann haben wir die aber noch mal ausgepackt und fanden sie doch ganz gut. Bei der “Landed in Brooklyn” sind, bis auf einen Song, den es schon länger gab, alle frisch für die Platte entstanden sind, zumindest alle in diesem Jahr, manche sogar sehr kurzfristig zwei, drei Wochen vor dem Aufnahmetermin. Als wir wussten, dass wir nach New York fliegen und wir merkten, dass wir noch Material brauchen. Und dann nimmt man noch mal das Handy und findet da eine Song-Idee, die man mal im Urlaub aufgesungen hat. Und so ist einer der stärksten Songs der Platte entstanden, nämlich “Tutto”.

Beschreibt doch mal für alle, die die Scheibe noch nicht gehört haben, “Landed in Brooklyn” in zwei Sätzen.

Roman: Sie ist energetischer als ihre Vorgänger, verliert aber trotzdem nicht den typischen Wasserfuhr-Sound. Die Melodie ist immer noch Hauptbestandteil der Songs, das ist nichts wild vertracktes, aber es geht mehr in die Jazz-Ecke.

Julian: Es ist eher konzeptlos, auch wenn das doof klingt. Es ist eher emotionsreich. Mehr Musik, ohne an Verkauf oder Geld zu denken.

Und wer von euch hatte bitteschön die Idee, ein Lied von Tokio Hotel auf die Platte zu nehmen?

Julian (lacht): Das war der Julian.

Aber warum?

Julian: Ich fand die Band so scheiße. Ich bin ja oft anti. Wenn alle anderen was feiern, bin ich gerne mal dagegen. Und Tokio Hotel ist ja quasi nachweislich schlecht. Aber der Songs ist stark von der Melodie her. Wenn man die Pappnasen mal ausblendet, hat die Nummer was. Den Song fand ich cool, aber nicht in diesem Gewand.

Roman: Wir haben das ja bei der “Gravity” zum ersten mal gemacht, als wir die Nummer von Sting gecovert haben. Das wollten wir einfach mal probieren. Und wir finden, das ist geglückt. Das ist bei dem Tokio-Hotel-Ding natürlich eine ganz andere Herausforderung, weil das einfach bei allen Leuten auf Brechreiz stößt.

Sven Schlickowey ist der leitende Redakteur beim Bergischen Boten. Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.