Aljasmin: Flucht vor dem IS

Vier Uhr am Morgen, die Luft ist kalt und ruhig. Ich höre nichts, nur mein Herz schlägt so laut, dass ich glaube, man müsste das kilometerweit hören können. Und mit jedem Meter, den wir uns den Absperrungen nähern, wird es lauter. Das muss doch jemand hören. Irgendwer an den Absperrungen, irgendwer von den Soldaten des Islamischen Staates, die die Absperrungen bewachen.

Ich bin in Mosul im Irak. Die Stadt ist verwüstet worden. Und besetzt. Von Menschen, die ganz offensichtlich weder Menschlichkeit, noch Mitgefühl, noch Gnade kennen. Man kennt sie unter dem Namen IS.

Ich verlasse Mosul am 29. Dezember 2014. Ich kann nicht länger warten. Seit mein Freund Mohammed verschwunden ist, habe ich noch mehr Angst. Wir haben zusammen gearbeitet, versucht, den Menschen in Mosul irgendwie zu helfen. Bis er verhaftet wurde. Seither hat niemand mehr etwas von ihm gehört.

Ich weiß: Die Stadt zu verlassen, ist gefährlich. So gefährlich, dass ich vielleicht sterbe. Ich weiß aber auch: Bleibe ich, sterbe ich sicher. Nur viel langsamer.

Ich fliehe zusammen mit einem Freund, Abu Ahmed, seiner Tochter und deren Kindern. Abus Tochter hat ihren Mann verloren, er starb in den Kämpfen um die Stadt. Genau das könnte uns alle retten, denn unsere Story ist, dass ich ihr Mann bin und wir zu einer dringenden Herz-OP nach Bagdad müssen. In Mosul ist schon lange kein Krankenhaus mehr in der Lage, solche Operationen durchzuführen.

Ein letzter Gruß

Zum vermutlich allerletzten Mal in meinem Leben schaue ich mir mein Haus an. Es ist längst beschädigt worden, Bomben, Mörser und anderer Beschuss haben ihre Spuren hinterlassen. Trotzdem möchte ich es umarmen.

Meiner Mutter zu sagen, dass ich nicht wieder komme, dafür war ich einfach nicht stark genug. Ich konnte nur bei ihr sitzen und ihre Hand halten. Natürlich wusste sie, was los ist. Ich bin mir sicher, dass sie es wusste. Tränen liefen ihr über die Wangen und sie umarmte mich, kräftiger als jemals zuvor. “Gott schütze dich”, gab sie mir noch mit auf den Weg. “Geh. Und hab keine Angst!”

Diese letzten Worte meiner Mutter an mich geben mir Kraft. Einen Moment fühle ich mich, als sei jede Angst, jeder Zweifel von mir abgefallen. Ich habe immer und immer wieder versucht, meine Eltern davon zu überzeugen, die Stadt zu verlassen. Aber sie können nicht, sagen sie. Wegen ihres Hauses, sagen sie. Weil fast alle ihre schönen Erinnerungen daran hängen. Ihre Heimat zu verlassen, ist ihnen einfach nicht möglich. Egal, welchen Preis sie dafür zahlen müssen.

Drei Checkpoints

Wir fahren also mit dem Auto durch die Nacht, immer weiter auf die IS-Absperrungen zu. Ich bin kein guter Schauspieler. Aber nun hängt alles davon ab, dass man mir abnimmt, dass ich wirklich sehr, sehr krank bin. Ich habe einen Haufen medizinischer Papiere dabei, die das auch sagen. Fälschungen, die befreundete Ärzte und Pfleger beschafft haben.

An der ersten Absperrung geht alles gut. An der zweiten auch. An der dritten Absperrung aber steht ein Fremder, offensichtlich kein Araber. Der Mann ist misstrauisch. Er lässt uns alle aussteigen – und ich weiß sofort, dass er mich durchschaut hat. Er fragt und fragt. Das einzige was mir jetzt noch hilft, ist, dass Abu Ahmed und seine Tochter ihre Rollen besser spielen als ich. Sehr viel besser als ich.

Über eineinhalb Stunden müssen wir an dem Checkpoint warten. Sie fühlen sich an wie Jahre. Und plötzlich, aus heiterem Himmel, weist jemand den Ausländer an, uns durchzulassen. Unsere Papiere seien in Ordnung, heißt es plötzlich. Und ich ein echter medizinischer Notfall. Wir sollen, sagt man uns, sehen, dass wir so schnell wie möglich wegkommen. Es war die letzte Absperrung – wir haben Mosul verlassen. Nun ist der Weg nach Bagdad frei, eine Stadt, die von der Irakischen Armee kontrolliert wird.

Erstmal in die Türkei

Zehn Stunden fahren wir bis Bagdad. Am nächsten Tag wollen wir weiter in die Türkei, wo meine Frau, Verwandte und Freunde von uns bereits warten. Als ich ein Kind war, habe ich davon geträumt, um die Welt zu reisen. Am Ende meiner Reise werde ich acht Länder besucht haben. Nur wie in meinen Träumen war das nicht.

In der Türkei meldet sich der Schleuser wie vereinbart bei uns: Er bringt uns mit einem Bus an die Küste. Zwischendurch müssen wir uns auf einem Berghof verstecken, weil es plötzlich heißt, die türkische Polizei würde die Straßen überwachen. Schließlich setzen wir mit kleinen Booten nach Griechenland über.

Angekommen in Europa

Über Athen, Mazedonien, Serbien und Kroatien erreichen wir ein Lager in Österreich. Hier bleiben wir nur eine Nacht. Denn wir wollen nach Deutschland. An der Grenze werden wir vom Grenzschutz empfangen. Es ist wunderbar, die Worte “Welcome to Germany” zu lesen. Inzwischen bin ich seit neun Monaten hier. Wir leben in einer kleinen Wohnung. Ich möchte so schnell wie möglich Deutsch lernen und meine Ausbildung abschließen, um arbeiten zu können.

Danke Deutschland! Danke, liebe Deutsche, für eure Menschlichkeit!

Ahmed Alkatan

Wir veröffentlichen hier in loser Reihenfolge ausgewählte Texte unserer deutsch-arabischen Schwesterzeitschrift Aljasmin. Aljasmin erscheint – wie der Bergische Bote – im Verlag am See. Die zweisprachige Zeitung richtet sich in Arabisch und Deutsch an Menschen, die aus dem arabischen Sprachraum zu uns kommen, und interessierte Deutsche. Aljasmin ist im Zeitschriftenhandel erhältlich, unter www.mykiosk.com kann jeder durch Eingabe der eigenen Stadt und des Zeitschriftentitels den nächstgelgenen Händler, der die Zeitung im Sortiment hat, finden.