Von der heilenden Kraft guter Bücher

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Wir befinden uns in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Feierlich rufen die Glocken der alten St.-Nikolaus-Kirche zu Wipperfürth die Gläubigen zum Hochamt. Wie selbstverständlich folgt, wie jeden Sonntag, der kleine Willibert mit seinen Eltern diesem Ruf. Die Messe wird wie damals noch üblich auf Latein gelesen und es macht dem Kind gar nichts aus. Denn in der Religion ist es wie in der Liebe. Nicht die rationale Ebene ist das Entscheidende, sondern die emotionale. Und in der liturgischen Hochsprache schwingt Geheimnis und Mystik mit:“Dominus vobiscum!“ „Et cum spiritu tuo!“ Und obwohl noch ein Kind, singe ich  natürlich mit: „Credo in unum deum…“

Durch den betörenden Duft des Weihrauchs, die prächtigen Operngewänder des Priesters, die uralten Klängen des gregorianischen Chorals und die dicken Mauern der steinalten Kirche fühlt sich der kleine Junge wie ein Ritter, Mönch oder Zauberlehrling. Theatrum sacrum-Heiliges Theater.  Und dann, nach der Messe, kommt schon der nächste Höhepunkt meiner Sonntage. Am Marktplatz, im ältesten Haus der Stadt (welches übrigens meinem blinden Onkel Juppa gehörte. Jetzt „Altes Stadthaus“), also, in diesem Gebäude befand sich die „Borromäus-Bücherei“ Und ich war jedes Mal gespannt, ob ich ein Buch finden würde, welches ich noch nicht gelesen hatte. Und ich war glücklich, wenn ein Buch aus der „5-Freunde-Serie“ da war, oder, -noch besser- von der gleichen Autorin, die „Abenteuer-Serie“ „Berg der Abenteuer, Insel der Abenteuer, Burg der Abenteuer, Tal der Abenteuer…“ von Enid Blyton.

Ich trug mein geliehenes Sonntagsbuch wie einen Schatz nach Hause. Und noch vor dem Mittagessen tauchte ich in die Welt der Abenteuer und der Phantasie ein. Und ich las von Julius und Richard, Anne und Georg-die eigentlich Georgina hiess, aber immer ein Junge sein wollte (Von der Transgender-Szene wussten wir damals noch nichts. (Grins!)). Vom verstreuten Onkel Quentin und vor allem vom treuen Hund Tim. Oder vom frechen Kakadu Kiki.

Und dann hoffte ich, dass es regnete, denn dann fiel der blöde, öde Sonntagsspaziergang aus, und ich konnte lesen, lesen, lesen! Oft hatte ich ein Getränk dabei und ein Butterbrot mit Rübenkraut, das manch üblen Fleck auf den Buchseiten hinterliess. Aber dies und die Eselsohren waren nichts anderes als die Spuren der Kinder, die den schönsten Weg der Welt gegangen sind.  Nämlich den Weg der Fantasie!  Zusammen mit John Silver, dem unheimlichen Piraten aus Stevensons Schatzinsel, der mit seinem Holzbein im Nebel der Hafenstadt zu hören war „Tock-Tock-Tock!“, oder verloren mit Robinson Crusoe auf einer einsamen Südseeinsel. Oder mit Tom Saywer und Huckleberry Finn auf dem „old-men-river“ im fernen Amerika.

Aber auch als ich noch jünger war, tauchte ich ein in die Zauberwelt der Bücher: „Jan und das Wildpferd“ oder „Das Eselchen Grisella“ von Heinrich Denneborg. Heute vielleicht nur noch im Antiquariat zu finden. Hinreissende Kinderliteratur, forschen Sie nach! Oder die Bücher von James Krüss, von Max Kruse , der „Kater Mikesch“ von Josef Lada,  Ottfried Preusslers „Kleine Hexe“ und „Kleines Gespenst“ Und vor allem ja vor allem das überwältigende Meer der Fantasie von Michael Ende: „Irgendwo, weit draussen auf dem grossen Meer, war eine kleine Insel mit dem Namen ‘Lummerland‘. Auf ihr lebten König Alfons der viertel vor Zwölfte, mit seinen Untertanen, Herrn Ärmel, Frau Waas und Lukas dem Lokomotivführer…“

Ach, Michael Ende.  Wieviel unzählige Stunden der Glückseligkeit durfte ich durch Dich erleben! Auf grosser Fahrt mit Lukas, Jim, Emma und Molly. Mit der Meerjungfrau Sursulapitschi, dem Schildnöck, dem völlig plausiblen Umbau der Lokomotive Emma in ein perpetuum mobile und die Reise damit über das „Dach der Welt“ und durch das „Tal der Finsternis“ hin zum Drachen „Frau Mahlzahn“ („Kinderrrr müsen lerrrrnen!“). Ohne erhobenen Zeigefinger lehrtest Du mich, lieber Michael Ende. Zum Beispiel vom rechten Umgang mit Angst und Problemen. Sie nehmen erst dann ab, wenn ich ihnen tapfer entgegengehe. Wenn ich vor ihnen fliehe, werden sie größer! Das, ja genau das war ja das Geheimnis des Scheinriesen „Herrn Tur-Tur“!

Ach, ihr Bücher meiner Kindheit! Gottesgeschenk und Lebensbrunnen! Wie viel hab ich euch zu verdanken!!

Und wenn ich heute als Erwachsener, mit gleichem Eifer z.B. „Harry Potter“ lese, dann fällt mir auf das die Zauberschule „Hogwarts“ im Grunde dieselbe Gestalt und Atmosphäre hat wie die steinalte Nikolaus-Kirche meiner Kindheit.

Kommt ein Mann in eine Buchhandlung und fragt die Verkäuferin: „Haben Sie das Buch: ‚Der Herr im Haus. Von der Überlegenheit des Mannes‘?“ „Natürlich“ antwortet sie, „Märchen-und Phantasie-Literatur finden Sie im ersten Stock!“

Und im Garten des Lebens ist Fantasie der beste Dung, sacht:
Der bergische Jung.
Willibert Pauels

Willibert Pauels (Jahrgang 1954) schreibt seit 2009 eine regelmässige Kolumne im Bergischen Boten. Er wurde 1993 zum katholischen Diakon geweiht. Seit 1995 steht er als "Ne bergische Jung" in der Bütt und ist zu einer festen Größe im Kölner Karneval geworden. Er lebt mit Frau und Tochter in Wipperfürth-Hamböcken.