Biete Hof, suche Bauer mit Leidenschaft

Lindlar Jeder will glückliche Kühe. Aber was ist mit glücklichen Bauern? Auch die gibt es noch und wieder. Zum Beispiel auf dem Breuner Hof in Lindlar. Dort findet man – neben einer ganzen Herde glücklicher Kühe – gleich mehrere Exemplare dieser seltenen Spezies.

Wenn man Schimon Porcher so beobachtet, kann man gar nicht glauben, dass er erst seit ein paar Wochen hier ist. Dass er erst seit ein paar Wochen Bauer ist. Und schon gar nicht, dass er bis vor ein paar Wochen im schicken Anzug von Kundentermin zu Kundentermin gehetzt ist. „Ja, man hat das Gefühl, als wäre er schon immer hier“, meint auch Hardy Burgmer. „Als würden wir uns schon immer kennen.“

Doch die beiden kennen sich erst seit einem guten halben Jahr. Und erst seit ein paar Wochen arbeiten sie zusammen auf dem Breuner Hof. Ein Umstand, der beide augenscheinlich glücklich macht. Hardy Burgmer, weil er das Problem seiner eigenen Nachfolge gelöst hat. Und Schimon Porcher, weil er ganz offensichtlich das gefunden hat, was er eigentlich schon immer machen wollte.

Seit fast 250 Jahren betreibt die Familie von Hardy Burgmer den Hof, inzwischen in der achten Generation. Doch in der neunten fand sich kein Nachfolger mehr. „Meine Frau und ich haben drei Töchter, von denen aber keine den Hof übernehmen wollte“, sagt Burgmer. „Ich möchte aber, dass der Hof erhalten bleibt, wenn ich in Rente gehe. Und zwar so ähnlich, wie er jetzt ist“.

20160719_102344_Breuner Hof_Biosalat

Das Bio-Gemüse wird samstags im Hofladen verkauft. Dessen Angebot soll künftig erweitert werden.

Der Breuner Hof ist durchaus typisch für die Region: 17 Hektar Acker, 63 Hektar Grünfläche, rund 70 Milchkühe. Doch anders als die meisten anderen Landwirte im Umkreis erzeugen Petra und Hardy Burgmer die Milch und die anderen Lebensmittel auf ihrem Hof nach den strengen Vorgaben des Demeter-Verbandes. Die Regeln dafür gehen in vielen Bereichen über die der EU-Bio-Verordnung hinaus. So sind bei Demeter umstrittene Zusatzstoffe, die bei „normalen“ Bio-Betrieben noch erlaubt sind, tabu. Und die Kühe dürfen, auch das ist durchaus unüblich, ihre Hörner behalten. Dass das auch in Zukunft so bleibt auf dem Breuner Hof, dafür sollen Schimon Porcher und seine Frau Carla sorgen. Sie sollen und wollen den Betrieb in absehbarer Zeit übernehmen. Unterstützt, organisatorisch wie finanziell, von der Regionalwert AG Rheinland.

Das Unternehmen mit Sitz in Köln hat sich die Förderung ökologischer Lebensmittel zum Ziel gesetzt. Es vernetzt und unterstützt Erzeuger, Verarbeiter, Händler und Gastronomen. Und auch Konsumenten. Durch den Erwerb so genannter Bürger-Aktien können die die wirtschaftliche Grundlage für dieses Ziel schaffen. Das Vorbild für die Regionalwert AG Rheinland kommt aus Freiburg und hat inzwischen rund 650 Aktionäre und mehr als 20 Partnerbetriebe. Ziel der AG und ihrer Aktionäre, in Freiburg wie im Rheinland, ist nicht der ganz große Reibach, sondern besteht eher darin, dass regionale Biobetriebe erhalten bleiben, neue entstehen und sie alle sich verpflichten, soziale und ökologische Standards einzuhalten. Die eigentliche Rendite besteht also aus Arbeitsplätzen, nachhaltiger Landwirtschaft und hochwertigen Lebensmitteln – „Shareholder Value“ mal anders.

Von dieser Idee waren Petra und Hardy Burgmer sofort begeistert. Und so brachten Sie 30 Prozent Ihres Hofes als Sachwert in die AG ein. Die Regionalwert AG wiederum half den Burgmers dabei, eine Hof-Nachfolge außerhalb der Familie zu suchen – und schließlich in Carla und Schimon Porcher zu finden. Das junge Paar kommt samt dem vierjährigen Sohn Liam aus Frankfurt. Carla hat ökologische Landwirtschaft studiert, Schimon war Vertriebsdirektor einer Marketingagentur. Ein durchaus gut bezahlter Job – aber eben keiner, der ihn wirklich erfüllt hat. „Werbung schafft keine Werte“, sagt Porcher. „Und Werbung schafft keinen Sinn, zumindest nicht für mich.“

Also entschieden sich die beiden, in die Landwirtschaft zu gehen. „Wir waren schon länger auf der Suche nach einem Hof“, erzählt Schimon Porcher. Aber in der Region um Frankfurt sei das finanziell kaum zu stemmen. „Da müsste ich dann am Ende doch wieder in die Stadt fahren und Werbung machen, um den Kredit abzubezahlen.“

Entsprechend angetan waren die Porchers von dem Angebot der Regionalwert AG, eventuell den Breuner Hof zu übernehmen, diese Übernahme behutsam zu gestalten und dabei unterstützt zu werden. Im Winter gab es ein erstes Kennenlernen, seit diesem Sommer leben und arbeiten die beiden Familien zusammen auf dem Hof. Ein Schritt, den Schimon Porcher sofort wieder gehen würde. Er habe, so sagt er, seinen Sinn gefunden. Keine Spur von romantischen Bauernhof-Vorstellungen verwöhnter Städter, die am rauen Alltag zerschellen. Die Porchers wissen, worauf sie sich eingelassen haben. Und sie haben noch viel vor.

20160719_101736_Breuner Hof_Denk mal

Denkanstöße überall: Ihr eigenes Glück haben die Porchers gefunden, nun träumen sie von einem Umdenken in der Gesellschaft.

„Die Wertschöpfung muss auf den Hof zurück kommen“, sagt Schimon Porcher. Statt die Milch „nur“ abzuliefern, möchte er in Zukunft einen Teil selber veredeln, also Käse, Quark und Joghurt herstellen. Und im eigenen Hofladen verkaufen. Der hat derzeit nur zwei Stunden pro Woche, samstags von 10 bis 12 Uhr, geöffnet. Und bietet aktuell überwiegend biologisch erzeugtes Gemüse an. Beides soll aber ausgebaut werden.

Dass das alles nicht leicht wird, wissen die Beteiligten. „Wir leben im Land der Discounter und der billigen Lebensmittel“, sagt Porcher. Für viele sei der Preis beim Essen immer noch wichtiger als die Qualität. Da sehe man auch daran, dass derzeit alle über den Preis der Milch diskutierten, nicht aber über deren Qualität, sagt Hardy Burgmer. „Den Leuten muss einfach klar werden, dass die Qualität der Milch ganz stark von der Qualität der Tierhaltung abhängt“, so Burgmer. „Vor allem natürlich vom Futter.“ Eigentlich logisch: Wie soll auch unten gute Milch rauskommen, wenn oben kein vernünftiges Futter reingeht?

Und so wollen die Porchers nicht nur für ihren Traum vom Bauern-Dasein arbeiten, sondern auch für einen Wertewandel. Den richtigen Ort dafür haben sie offenbar gefunden. „Die ersten Wochen waren super“, sagt Schimon Porcher. „Ein bisschen viel Regen vielleicht, aber die Leute hier sind nett.“ Es wirkt halt so, als seien die Porchers schon viel länger da. Und als würden sie noch viel länger bleiben.

Geboren in Wipperfürth und aufgewachsen in Hückeswagen absolvierte er seine Ausbildung beim Remscheider General-Anzeiger, der Westdeutschen Zeitung, der dpa und beim WDR. Sven Schlickowey ist verheiratet und lebt mit Frau und zwei Kindern in Hückeswagen, er ist Fan des VfL Gummersbach, mag gutes Essen, schräge Bücher (z.B. Christopher Moore, Jim Knipfel) und natürlich alles, was mit Star Wars zu tun hat.