Bergische Bauerngärten

Bergisches Land Wer einen sieht, bleibt stehen und staunt, wem einer gehört, leidet nie mehr unter Langeweile. Bauerngärten stehen für weit mehr als nur Idylle und haben eine tausende Jahre alte Geschichte. Wie überall sind sie auch im Bergischen selten geworden. Fotograf Eberhard Vogler hat sie aufgespürt und ihr Wesen ins Bild gesetzt: Wachsen und Ernten, Blüten und Früchte, Nutzen und Schönheit.

Bauerngärten gibt es, seit die Menschen begannen, sich anzusiedeln. Jahrtausende lang galt er ausschließlich der Selbstversorgung mit Obst und Gemüse, in guten wie in schlechten Zeiten. Überwiegend waren es schlechte. Dann kam die Industrialisierung. Obst und Gemüse gab es fortan in Supermärkten und eine Weile schien es, als habe der Bauerngarten seine Daseinsberechtigung verloren. Er wich Rasenflächen, Parkplätzen und Garagen. Doch gerade in den letzten Jahren entsteht neues Interesse am alten Nutzgarten.

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Streuobstwiese neben dem Garten von Eva Kremer und Frank Stiller in Wuppertal.

Als sich Eberhard Vogler aufmachte, für ein Buchprojekt die Bauerngärten im Bergischen im Bild festzuhalten, erwies sich der Auftrag als schwierig. „Viele Gärten liegen im Verborgenen“, sagt er. „Ich war auf Empfehlungen und Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen.“ Er kontaktierte Gemeinden, Museen, Privatleute, Verbände der Landfrauen, der Naturschützer und der Touristik, schrieb Emails, telefonierte, fuhr einfach durch die Gegend. Nicht selten vergebens. „Dann war der angekündigte Bauerngarten verunkrautet, einem Teich gewichen oder ganz verschwunden“, erzählt er.

In den letzten drei Jahren fuhr Vogler 7.950 Kilometer auf den Spuren der Bergischen Bauerngärten, schoss 2.500 Fotos und hörte irgendwann auf, die Stunden zu zählen. Aus 50 besuchten Gärten wählte er 20 aus, die über das ganze Bergische Land verteilt sind. Nebenher lernte er über das Wesen des Bauerngartens und das Wesen seiner Gärtner. Da war Marianne Frielingsdorf mit ihrem verwunschen anmutenden Garten mitten in Lindlar (Foto vorangehende Doppelseite), da war die Familie Hagen, die gleich neben der Burg Eibach seit über 70 Jahren Selbstversorger ist. Er fand Gärten, die strikt nach klösterlichen Schema angelegt waren und andere, in denen sich die Natur ihre eigenen Wege suchen durfte.

Der Garten von Katharina und Werner Hagen dient seit 70 Jahren der Selbstversorgung. Während des Krieges gaben die Hofbesitzer von ihrer Ernte auch gerne an Städter ab.

Der Garten von Katharina und Werner Hagen dient seit 70 Jahren der Selbstversorgung. Während des Krieges gaben die Hofbesitzer von ihrer Ernte auch gerne an Städter ab.

Die Geschichte des Bauerngartens liegt weitestgehend im Dunklen. Sicher ist, dass er von klösterlichen und städtischen Gärten, aber auch vom weltweiten Handel beeinflusst wurde. Eingewanderte Pflanzen sind heute so perfekt integriert, dass ihre fremdländische Herkunft kaum jemand mehr ahnt: Sonnenblume, Dahlie, Tomate und Kartoffel aus Amerika, Flieder, Tulpe und Hyazinthe aus der Türkei, Rhabarber und Tränendes Herz aus Asien.

Eberhard Vogler kniete in Beeten, stieg auf Leitern und fuhr los, wenn er Anrufe bekam wie „Herr Vogler, wenn Sie nicht bald kommen, habe ich die Kartoffeln ausgegraben.“  „Alle Gartenbesitzer waren sehr gastfreundlich und hilfsbereit“, sagt er, „und ich habe viele interessierte und interessante Menschen kennengelernt.“ Viele von ihnen haben die Selbstversorgung wiederentdeckt. Der Bio-Trend hat seinen Teil zur Auferstehung des Bauerngartens beigetragen, ein gestiegenes Bewusstsein für Umwelt,  Natur und Sortenvielfalt, der Wunsch, mit den eigenen Händen zu arbeiten, Kreativität auszuleben, die Freizeit sinnvoll zu verbringen oder das Bedürfnis, in einer schnelllebigen Welt ein Stück Selbstbestimmung und Frieden zu finden. Oder alles zusammen. Die Motivationen sind so vielfältig wie die Gärten. Denen ist das Motiv egal. Sie wachsen und blühen und geben jedem, der vorbeikommt, einen eindringlichen Gruß der Natur mit, sie doch bitte zu bewahren.

Die Fotos entstammen aus dem Bildband „Bauerngärten im Bergischen Land“, der am 10. August im Bergischen Verlag erscheint. 144 Seiten, ISBN 978-3-945763-17-9, € 24,-

Karin Grunewald, Diplom-Kauffrau, arbeitet als freie Journalistin und Autorin. Seit 2009 schreibt und fotografiert sie für den Bergischen Boten. Ihre journalistische Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet. Sie wohnt in Rösrath.