Lennep feiert die Liebe zum Lesen

REMSCHEID Bei nass-kaltem Wetter gibt es kaum etwas Schöneres als gemütlich in eine spannende Geschichte einzutauchen. Insofern passte das winterliche Intermezzo am Wochenende perfekt zum Lesefestival „Lennep liest“, zu dem das Soziokulturelle Zentrum „Die Welle“ zur Feier des Welttags des Buches einlud. Zwei Tage lang stand in der Lenneper Altstadt die Liebe zum Lesen und Vorlesen im Mittelpunkt.

Beppo Straßenkehrer wäre heute vielleicht ein Bestseller-Autor. Anstelle der kleinen Momo bestünde sein Publikum aus gestressten Managern. Besen und Pflastersteine würde Beppo längst nicht mehr zu Gesicht bekommen, stattdessen würde er von Stadt zu Stadt tingeln, um ausgebuchte Entschleunigungsseminare abzuhalten. Er wäre reich – und selbst ein Burnout-Kandidat in den Fängen der Grauen Herren. Das Thema Achtsamkeit, das sich als roter Faden durch den Roman „Momo“ zieht, ist heute aktueller den je. Das fand auch die Ergotherapeutin und Diakonin Heike Binner, die Michael Endes Klassiker für ihre Lesung auswählte.

Überhaupt wurde bei „Lennep liest“ viel zum Nachdenken geboten. Es ging um Hoffnung und Verzweiflung, um Schuld, Mord und Krieg. Die Zuhörer ließen sich von der schweren Kost nicht abschrecken und lauschten bewegt, etwa als Peter Jäger aus dem Kriegsbericht von Paul Velte vorlas. Der Remscheider Obergefreite, der in seinem Tagebuch seine Erlebnisse und Gedanken während des Russlandfeldzugs notierte, kam mit nur 22 Jahren durch Artilleriefeuer ums Leben. Da überlief es manchen Zuhörer eiskalt. Jugendreferent Rolf Haumann erinnerte in seiner Lesung von „Unterwegs in den Straßen von Jerusalem“ daran, dass kriegerische Konflikte leider auch ein Thema der Gegenwart sind. Die Todesfälle, von denen die Autoren der bergischen Krimis „Ein gutes Alibi“ und „Morde und andere Gemeinheiten“ erzählten, waren hingegen glücklicherweise frei erfunden.

Natürlich gab es bei aller Spannung genug zu lachen. Dafür sorgten nicht nur die jungen Leser, die von saustarken Tierdetektiven, den siffigen Olchis und einem ungewöhnlichen Rollentausch vorlasen. Auch die Lenneper Dönekes, die Stadtführer Lothar Vieler im überfüllten Lennep-Laden zum Besten gab, sorgten für Vergnügen. Angela Heises lebhafter Vortrag einer Badehaus-Szene aus „Der Tuchhändler von Lennep“ bewies, dass sich selbst im finsteren Mittelalter heitere Momente finden ließen. Viel Spaß verbreiteten auch die Moderatoren von Radio RSG beim Verlesen meist unfreiwillig komischer Pressemeldungen.

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Volle Konzentration beim Vortrag von „Nachtwächter“ Lothar Vieler im Lädchen von Lennep Offensiv e.V.

Die Anzahl lokaler und regionaler Bezüge war hoch. Nicht nur die Vorlesenden, auch viele Autoren kamen aus Lennep, Remscheid und Umgebung. Darunter waren zum Beispiel die Teilnehmer der Schreibwerkstatt Rosenhügel, die ganz unterschiedliche Kurzgeschichten aus eigener Feder präsentierten. Besonders persönlich ging es im Café Lisa zu, wo Irene Sollmann-Beckmannshagen und Gunda Nielsen Texte und Gedichte über eigene Wundererlebnisse vorlasen. Peter Klohs trug in der Bergischen Buchhandlung aus seinem musikverliebten Roman „Für Elise“ vor und ließ sich vom Rummel in der gut besuchten Buchhandlung nicht aus dem Takt bringen. Daniel Juhr, Irmgard Hannoschöck, Andreas Wöhl und Daniel Kohlhaas schufen auf kuscheligen Sofas bei schummrigem Kerzenlicht und Gitarrenklängen die richtige Atmosphäre für ihre Krimis aus dem Bergischen Land. Aber auch internationales Flair kam auf: Im Caritas-Café Lotsenpunkt gab es russische Märchen, beim Spanischen Bildungswerk wurden Gedichte und Märchen in spanischer Sprache vorgetragen. Schließlich geht der Welttag des Buches auf eine spanische Tradition zurück: Dort schenkt man sich nicht am Valentinstag, sondern erst zum Georgstag am 23. April Rosen und Bücher.

Die Mischung verschiedener Schauplätze, darunter außergewöhnliche Lesestätten wie das Röntgen-Museum oder das Tortenatelier im Restaurant „König von Preußen“, sorgte für Abwechslung und Laufkundschaft, die zusätzlich durch den verkaufsoffenen Sonntag in die Lenneper Altstadt gelockt wurde. „Das Pilotprojekt wurde super angenommen,“ freut sich Ramona Schösse vom Kulturzentrum „Die Welle“. Eine Neuauflage kann sie noch nicht versprechen, Ideen gäbe es aber bereits. So hoffen die Veranstalter, dass sich beim nächsten Mal Lenneper Privatleute bereit erklären, im eigenen Wohnzimmer vorzulesen. Auch der Zeitplan soll noch einmal überdacht werden. Wer an diesem Wochenende mehrere aufeinander folgende Veranstaltungen besuchen wollte, musste entweder eine Lesung vorzeitig verlassen oder die nächste durch zu spätes Ankommen stören, besonders, wenn ein längerer Fußmarsch zwischen den Leseorten lag. Wollten sie unhöfliche Unterbrechungen vermeiden, mussten manche Zuhörer auf interessante Programmpunkte verzichten. Ein kleiner Zeitpuffer zwischen den Lesungen würde den Wechsel von einer Veranstaltung zur anderen beim nächsten Mal vereinfachen. Dass es ein nächstes Mal geben sollte, da sind sich alle Beteiligten einig. „Wir arbeiten daran,“ verspricht Schösse.