Freies Internet für freie Bürger

Bergisches Land Eine Idee macht sich breit im Bergischen, die eigentlich schon 15 Jahre alt ist: Freifunk, freies Internet für alle. Das Prinzip: Unternehmen, Kommunen, Bürger geben einen Teil ihrer Internetverbindung für die Allgemeinheit frei. Wer in einem Freifunk-Gebiet unterwegs ist, kann sich mit seinen Geräten ohne Passwort und Zugangsbeschränkung einwählen und hat kostenloses WLAN – auf der Straße, beim Einkaufen, im Eiscafé. Treffpunkt für die Freifunker-Community war im September gleich zweimal im Overather „Coworking4You“. Hier hat der Rösrather Bernd Rützel Raum geschaffen, in dem Freiberufler und Kleinunternehmer flexibel Büroraum mieten können, und es gibt bewusst auch Platz für interdisziplinäre Zusammenarbeit, offenes Netzwerken, Tagungen und Besprechungen. In dieses Konzept passt auch Freifunk, daher hat Rützel es gleich in die Hand genommen, dieses in Overath und Rösrath zu verbreiten. „Wenn das nicht einer in die Hand nimmt, bleibt es im Schneewittchenschlaf stecken“, sagt auch Bettina Wisniewski, Centermanagerin der RheinBerg-Galerie in Bergisch Gladbach. Sie will Freifunk für die Galerie und am liebsten gleich für die komplette Fußgängerzone mit. In Bensberg ist man da schon weiter. Die Fußgängerzone ist weitestgehend mit Freifunk-WLAN ausgestattet. Wuppertal ist noch weiter. Dort soll demnächst sogar jeder zweite Laternenmast durch Einbau eines Routers ein flächendeckendes Netz herstellen. In Deutschland gibt es derzeit rund 16.000 Freifunk-Router. 6.000 davon im Rheinland, im RBK sind es 220. „Anfang des Jahres waren es 15“, sagt Freifunk-Pionier Klaus Krahne. „Für Anfang 2016 rechne ich mit 500.“

Wer ein Freifunk-Projekt ins Leben ruft, ist völlig egal. In Marienheide war es die Gemeinde, als sie der Asylbewerber-Unterkunft neben dem Rathaus damit freies Internet bescherte, weil eine Hotspot-Lösung über kommerzielle Anbieter viel teurer geworden wäre. In benachbarten Wipperfürth wird Freifunk – ebenfalls auf Initiative der Verwaltung – seit kurzem zur Verfügung gestellt. In Overath geht die Initiative zwar von Bürgern und Unternehmen aus, aber die Anwesenheit von Bürgermeister, Beigeordnetem und IT-Verantwortlichen beim ersten Treffen zeugt von der Bereitschaft, mit dabei sein zu wollen. „Es geht nicht darum, ob oder ob nicht, sondern nur darum, wie schnell wir das hinkriegen“, sagt Alexander Bücken, Vorsitzender von „Einkaufen in Overath“. Und Guido Freis, Chef der Unternehmer-Initiative Rhein-Berg fügt hinzu: „In Zeiten klammer kommunaler Kassen ist das Engagement der Unternehmen noch wichtiger.“ Schnell wählen sich die zwei Dutzend Teilnehmer mal eben in das Freifunk-Netz ein, für das Coworking4You und benachbarte Geschäfte die ersten Router gestellt haben. Einfach. Nur „Freifunk“ auswählen, kein Passwort, kein nichts – dafür voller Ausschlag und eigenes Datenvolumen gespart. Für die Unternehmen liegt der Nutzen auf der Hand. Freies WLAN ist attraktiv für die Kunden und hat einen positiven Werbeeffekt. Die Gäste im bereits angeschlossenen Eiscafé in Untereschbach bleiben auch schon mal auf einen Kaffee länger. Da sind die Investitionen schnell wieder eingespielt.

Die Dynamik beim Overather Kick-off-Meeting ist verblüffend. Bernd Rützel organisiert und stellt Raum zur Verfügung. Coworker Hakan Cengiz kümmert sich um Marketing, IT-Fachmann Stephan Kirch konfiguriert die Router so vor, dass sie vor Ort schnell installiert sind. Einkaufen für Overath bezahlt sämtliche Router für seine Mitglieder. Bürger bringen sich ein, die Verwaltung signalisiert Bereitschaft und Freifunker aus dem Umland helfen mit Know-how. Das Projekt funkt, und zwar rasant schnell, unkompliziert, ohne Vorlauf und mit Beteiligung völlig unterschiedlicher Menschen. Warum? Vielleicht weil jeder einen Nutzen hat, aber keiner dabei richtig Geld verdient. Vielleicht, weil die Idee einfach Charme hat, in einer offenen, solidarischen Gemeinschaft mitzumachen, die bereit ist, sich zu vernetzen und zu teilen. All das ist in unserer Gesellschaft seltener geworden.

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Häufige Fragen:

Wie funktioniert Freifunk technisch?

Wer seinen Teil an Freifunk bereitstellen will, kauft einen separaten WLAN-Router. Eine freie Software macht diesen zu einem Freifunk-Knoten, der sich mit anderen Knoten verbinden kann. So entsteht ein Maschen-Netzwerk, das Daten von einem Ort zum anderen transportiert. Gleichzeitig stellen die Freifunk-Knoten einen Zugriffspunkt bereit, mit dem sich mobile Geräte verbinden können.

Was kostet das? 

Der Router kostet rund 20 Euro und 20 bis 50 Cent Strom im Monat. Mit höherer Reichweite oder für den Außenbereich gibt es auch teurere Modelle. Für Nutzer ist es komplett kostenfrei.

Wird mein Internet langsamer?

Nein. Sie können entweder dem Freifunk eine feste Übertragungsrate zuweisen oder – besser – Prioritäten vergeben. Wenn Sie selbst arbeiten, gehört alles Ihnen, wenn Sie selbst nicht arbeiten, gehört alles Freifunk.

Sind meine Daten gefährdet?

Nein. Der Freifunk-Router ist völlig abgeschnitten von Ihrem eigenen Router und Ihren persönlichen Daten. Die NSA kann bei beiden reinschauen.

Ist die Nutzung sicher?

Nein, genauso wenig wie in jedem anderen W-LAN oder Ihrem drahtgebundenen Internet. Wollen Sie Ihre Daten schützen, müssen sie sich mit den Themen Verschlüsselung, Firewall und Authentifizierung beschäftigen.

Was ist die Störerhaftung?

Ein undurchsichtiges Thema mit einer in Deutschland undurchsichtigen Rechtslage. Grundsätzlich geht es darum, ob Anbieter eines WLANs für Verstöße ihrer Nutzer, wie etwa illegale Musikdownloads, haftbar gemacht werden können. Bei Freifunk greift die Störerhaftung derzeit nicht. Freifunk agiert als Provider (wie Telekom oder Unitymedia) und haftet damit selbst nicht. Die Daten der Nutzer werden anonym weitergeleitet und nicht gespeichert. Das gibt den Aufstellern der Router eine höhere Rechtssicherheit als bei privat betriebenem WLAN, das andere mitnutzen.

Was bringt Freifunk für zu Hause?

Sie können Ihren Gästen und den Gästen Ihrer Kinder Freifunk zur Verfügung stellen, statt sie in Ihrem eigenen Netz surfen zu lassen und ihnen Ihr privates Passwort geben zu müssen. Zudem sind Sie von der Störerhaftung befreit.

Wer verdient an Freifunk?

Niemand. Freifunk Rheinland e.V. ist gemeinnützig. Server- und Netzstruktur werden von ehrenamtlichen Helfern in Eigenregie aufgebaut und gewartet. Der Verein finanziert sich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge

Wo kann ich mich informieren oder mitmachen?

Bei den Freifunkern vor Ort oder bei Freifunk-Rheinland. Hier ist auf einer Karte jeder einzelne Router sichtbar gemacht.

Die komplette Übersicht der Freifunknetze in der Region unter: www.freifunk-rheinland.net 

Karin Grunewald, Diplom-Kauffrau, arbeitet als freie Journalistin und Autorin. Seit 2009 schreibt und fotografiert sie für den Bergischen Boten. Ihre journalistische Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet. Sie wohnt in Rösrath.

2 Comments

  1. Frei Funk

    28. September 2015 bei 20:03

    Kontakt für alle im Rheinisch Bergischer Kreis außerhalb von Overath oder Rösrath:

    http://freifunk-rbk.de/?page_id=304
    info@freifunk-rbk.de

    Karte Freifunk Rheinisch Bergischer Kreis:
    http://map.gl.wupper.freifunk-rheinland.net/exp/

    Firmware über gesicherten Download:
    https://freifunk-gl.net/

    Mehr zur Struktur des Freifunk:
    http://freifunk-burscheid.de/?page_id=754

    Erklärung und Installationsanleitung für jene, die das selbst machen wollen:
    http://freifunk-burscheid.de/?page_id=255

    Freifunk im Rheinisch >Bergischer Kreis
    http://freifunk-rbk.de/

  2. sacerdos82

    2. Oktober 2015 bei 12:32

    Eine kurze Ergänzung. Bei weitem nicht alle Communities in Bergischen Land bzw. in NRW gehören dem Freifunk Rheinland e.V. an. Vollständige Informationen über das Projekt erhält man am besten unter http://freifunk.net

    Eine Liste der aktiven Communities findet sich unter: http://freifunk.net/wie-mache-ich-mit/community-finden/

    Ein Karte der meisten Freifunk-Knoten in Deutschland: http://www.freifunk-karte.de

    Am besten bemüht man bei Interesse die Suchmaschine der Wahl mit einer Anfrage „Freifunk [Name-der-Stadt]“ um zum korrekten Ziel zu kommen. Die meisten Freifunk Communities agieren unabhängig und haben eigene Ansprechpartner. Zentrale Strukturen widersprechen dem Grundgedanken von Freifunk.

    Weitere direkte Kontakte in der Region:

    Freifunk Lindlar: http://freifunk-lindlar.de
    Freifunk Leverkusen: http://freifunk-leverkusen.de
    Freifunk Wermelskirchen: http://freifunk-wermelskirchen.de
    Freifunk Solingen: https://www.facebook.com/Freifunk-Solingen-229449527083628/
    Freifunk Hückeswagen: https://www.facebook.com/FreifunkHueckeswagen