Die Häkel-Guerilla

Mit ihren Tipis aus bunter Wolle schafft Künstlerin Ute Lennartz-Lembeck beinahe sakrale Orte der Geborgenheit im öffentlichen Raum.

Nach New York und Zürich realisiert die Remscheider Street-Art-Künstlerin Ute Lennartz-Lembeck im August ein Projekt in Wipperfürth.

Wipperfürth Meditation stellen Sie sich wahrscheinlich ganz anders vor als „zwei links, zwei rechts, eine fallenlassen“, aber für die Remscheider Künstlerin Ute Lennartz-Lembeck ist Stricken und Häkeln genau dazu geworden. 600 Stunden häkelt sie an einem „Indianer“-Tipi mit fünf Meter Durchmesser und fünf Meter Innenhöhe. Aus 1.200 gehäkelten Patchwork-Quadraten näht sie solch ein Zelt in leuchtend bunten Regenbogenfarben zusammen. Im Januar stellte sie eines auf der New Yorker „Vogue Knitting Live“ aus und die Messebesucher spürten die Ruhe, die von diesem bunten Tipi mitten im Trubel ausging.

Angefangen hat ihre Leidenschaft für Nadel und Wolle im zarten Alter von fünf Jahren, da hat sie sich „mit zwei Nadeln zum Stricken, und einer zum Häkeln“ diese Handarbeitskunst selbst beigebracht. In Wuppertal studierte sie Kunst auf Lehramt und lehrte an der Musik- und Kunstschule in Remscheid. Ihren ersten Baum, eine Trauerweide packte Sie 2011 in ein bunt gestreiftes Wollkleid. Fotos von der Aktion gingen um die Welt. Sie lag voll im Trend des Guerilla-Strickens, der weiblichen Form des Graffitis, der 2010 aus den USA nach Deutschland schwappte. „Wenn ich etwas verhülle, mache ich auf den Inhalt aufmerksam“, erklärt  Lennartz-Lembeck, „und ein Baum bedeutet Leben.“

Ihre Tipis bezeichnet sie, frei nach Beuys, als „Soziale Plastik“ und beteiligt vor allem Kinder gerne an ihren Häkel-Aktionen. In Neukirchen-Vluyn ließen die Frauen des Vereins „Dorfmasche“ und der Türkisch-Islamischen Gemeinde mit Schülerinnen zweier Schulen die Nadeln klappern, um ein Tipi für den Dorfplatz zu schaffen. „Man unterhält sich über ganz andere Themen, wenn man gemeinsam an etwas arbeitet, als wenn man nur zusammensitzt“, sagt die Künstlerin. Die Einzelteile für ein Tipi zu nähen, ist so einfach, dass auch Anfänger mitmachen können. „Stricken verbindet“, erklärt sie und zwar Menschen jeder Altersgruppe und Nationalität. Es wird für Lennartz-Lembeck zur Völkerverständigung. Das Tipi in Regenbogenfarben wird zum Symbol für die Buntheit, die Vielfalt der Welt und der Menschen. „Jede Masche zählt“, sagt sie, „wie im Leben, wo jeder Mensch zählen sollte.“

17 Tipis werden es Ende 2015 sein, die die Künstlerin mit ihren Mitstreiterinnen geschaffen hat. Eines tourt durch die Städte der USA, in Köln, in Berlin und in Remscheid-Hohenhagen stehen welche. Letzteres seit drei Jahren. Auf die Frage, ob sie denn keine Angst habe, dass Vandalen ihre Kunst beschädigen, antwortet sie mit einer Anekdote aus dem Berliner Wedding, wo junge Menschen auf sie zukamen und davon erzählten, dass ihre Mütter auch gestrickt hätten. „Diese fremden Menschen haben auf meine Strickskulpturen aufgepasst“, erklärt sie. In sozialen Brennpunkten schafft sie mit ihrer bunten Street-Art neue Gemeinsamkeiten.

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Paul Kalkbrenner (Jahrgang 1958) ist Chefredakteur und Verlagsleiter beim Bergischen Boten. Der gelernte Schriftsetzer studierte in Köln Visuelle Kommunikation und arbeitete als Designer, Fotograf und Redakteur unter anderem für Prinz und Musikexpress. Seine Fotografien wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. 2008 gründete er den Bergischen Boten. Er entspannt sich bei Gartenarbeit und ist leidenschaftlicher Musikfan. Er ist verheiratet und wohnt mit Frau und Tochter in Kürten.