Solidarische Landwirtschaft

Lindlar Es ist die erste „SoLaWi“ im Bergischen Land. 30 Mitglieder teilen sich in Lindlar-Linde 3000 Quadratmeter Land für den Gemüseanbau. Sie teilen Verantwortung, Motivation und den Wunsch, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

Es ist zwei Uhr am Sonntagnachmittag des 17. Mai. Auf dem Bauernhof von Stefan Hagen in Lindlar-Linde sitzen 35 Frauen und Männer in der Sonne. Die meisten haben sich noch nie vorher gesehen, aber sie haben eines gemeinsam: Sie sind Mitglieder der ersten Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) im Bergischen Land. Kaum zwei Stunden später hat sich das vorsichtige Abtasten von Einzelpersonen zu einer Gänsehaut erzeugenden Aufbruchstimmung einer Gemeinschaft gewandelt. Hier will man nicht einfach nur irgendwo Mitglied sein. Hier ist man es satt zu jammern, man will etwas tun, etwas verändern, Verantwortung übernehmen. Jeder für sich und alle zusammen. Das Mittel: 3.000 Quadratmeter Land, auf denen demnächst ihr Gemüse wachsen wird.

Eine SoLaWi ist weder sozialistisch noch öko-radikal angehaucht. Es ist schlicht ein Gemeinschaftshof, bei dem eine Gruppe von Verbrauchern mit einem Partner-Landwirt kooperiert. Das klingt unspektakulär, ist es aber nicht. Es ist eine Form der Gemeinschaft, die sowohl den aktuellen Entwicklungen in der Landwirtschaft als auch denen in der Gesellschaft entgegenläuft. Das Prinzip ist simpel: Die Verbraucher geben einem Landwirt die Garantie, eine bestimmte Menge seiner Produkte abzunehmen, zum Beispiel für ein Jahr. Dafür zahlen sie einen festen Monatsbeitrag. Im Gegenzug erhalten sie die Produkte vom Feld und häufig auch Einblick und Einfluss auf die Produktion. Entstanden ist das Konzept in den 1960er Jahren in Japan. Dort heißt es „Teikei“, auf Deutsch Partnerschaft. Inzwischen sind rund ein Viertel der Japaner an einem Teikei beteiligt.

Und wozu das Ganze? Weil es allen nutzt: Den Verbrauchern, dem Landwirt, der Umwelt. Stefan Hagen betreibt den Milchviehbetrieb in der 5. Generation. Über der Tür des alten Fachwerkhauses steht die Zahl 1744. Der Milchpreis liegt derzeit bei 28 Cent, Tendenz fallend. „Damit decke ich maximal die Kosten“, sagt Hagen. „Um in den globalen Strukturen zu bestehen, müsste ich massiv investieren – ohne Garantie auf mehr Gewinn. Ich wüsste nicht, wie ich das in den nächsten 36 Jahren wieder reinkriegen sollte.“ Wie viele Milchbauern im Bergischen kämpft Stefan Hagen fortwährend mit Existenzsorgen. Fortwährend sucht er neben seinem Engagement in Verbänden auch nach persönlichen Alternativen. Direktvermarktung zum Beispiel. Aber der Hof liegt abseits in der Idylle. Da kommt keiner. Bei der SoLaWi sind die Kunden schon da. Er kann seinen Ertrag vorab fest kalkulieren. „Das ist der große Vorteil für mich“, sagt er. Auch bei Ernteausfällen haften die Mitglieder der SoLaWi gemeinschaftlich, nicht mehr er allein.

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„Wenn wir in der Globalisierung nicht untergehen wollen, müssen wir uns andere Wege suchen.“ Landwirt Stefan Hagen

Die Motive der Verbraucher sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Viele wollen sich gesund ernähren, Gemüse regional kaufen, ohne Chemie, ohne Plastikverpackung und ohne, so ein Mitglied, „dass die Gurke genau so schmeckt wie die Zucchini“. Die einen möchten Globalisierung und Nahrungsmittellobby etwas entgegensetzen, die anderen einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und Natur, wieder andere wollen Urlaub-auf-dem-Bauernhof-Feeling oder ihren Kindern zeigen können, wo das, was auf ihren Tellern liegt, eigentlich herkommt. Sie wollen die heimische Landwirtschaft und damit auch die Kulturlandschaft erhalten – Wiesen, Weiden und Gemüse statt Maismonokulturen. Sie haben Wünsche, die ihnen wichtig sind, aber keinen Garten, keine Zeit oder keine Ahnung. In der SoLaWi geht es auch ohne all das, und jeder hält es, wie er mag. Wer sich im Acker die Finger dreckig machen will, kann dies tun. Wen schon seine beiden Zimmerpflanzen pflegetechnisch überfordern, kann lernen, wie es richtig geht, oder sein lassen. Egal wie: Jeder erhält jede Woche den gleichen Anteil frisches Gemüse.

Mit Dr. Thomas Nonte, Cornelia Helten, Daniela Schwan und Christoph Schäl hat sich eine Kerngruppe gebildet, die derzeit die Organisation übernimmt. Thomas Nonte, den Landwirt Hagen liebevoll als „Riesenlokomotive von Statur und Herz“ bezeichnet, hat die Idee ins Leben gerufen. Der Klimaschutzmanager der Stadt Engelskirchen sah sich als Vorbild die SoLaWi auf dem Hof von Bernd Schmitz in Hennef an. Diese hat inzwischen 130 Mitglieder und wächst erfolgreich. „Es herrschte eine vergleichslose Stimmung. Kein Neid, keine Konkurrenz“, sagt Nonte. „Ich bin wissenschaftlich ausgebildeter Ingenieur. Mir kommt man am besten mit Zahlen, Daten, Fakten. Sowas war eigentlich jenseits meines Horizonts. Aber das, das hat mich tief berührt.“ Gemeinsam mit der Ruhe und Kompetenz von Stefan Hagen gelingt es Nonte an jenem Sonntag im Mai als Lokomotive auch die Bergische SoLaWi auf die Stimmungsschiene zu bringen. Insgesamt gibt es in Deutschland rund 80 SoLaWis und weitere 90 Initiativen, die auf dem Weg dorthin sind. Es gibt Vereine, Genossenschaften oder – wie bei der bergischen – Einzelverträge zwischen Mitgliedern und Landwirt. Die 3000 Quadratmeter sind in theoretische Anteile von 100 Quadratmeter aufgeteilt. Das entspricht in etwa der statistischen Größe, die es braucht, um einen Menschen zu ernähren. Die einzelnen Stücke wurden versteigert. Im Schnitt zahlt jedes der 30 Mitglieder rund 100 Euro im Monat. „Es geht aber darum, Lebensmitteln nicht nur einen Preis, sondern wieder einen Wert zu geben“, sagt Christoph Schäl.

Von den Mitgliedsbeiträgen entfallen 75 Prozent auf Lohnkosten, insbesondere für Landwirt und Gärtner, die professionell anbauen. „Wir wollen faire Löhne“, sagt Nonte. Hilfskräfte erhalten einen Mindestlohn von 11,20 Euro. Der Rest geht für Saatgut, Geräte und mehr drauf. Der Anbau erfolgt auf biologischer Basis. An Saatgut und Setzlingen hat die Gartenarche mit alten, endemischen Sorten Unterstützung zugesagt. Evgeny Ivanov vom Klefhof nebenan half mit seinem Gerät bei der ersten Aussaat. Solidarität auch von den Nachbarn. Jetzt, im ersten Jahr, hat der Frühling sie etwas eingeholt. Zu viel war zu planen, zu organisieren, zu erledigen. So wird es Juni werden, bis die Mitglieder, die verstreut zwischen Refrath, Bergneustadt und Wiehl wohnen, ihre Anteile an den geplanten Versorgerstationen abholen können. Dort wird auch immer eine Tauschkiste stehen: Gurke gegen Tomaten, Kartoffeln gegen Rote Beete.

Ein Experiment, das im Bergischen Schule machen könnte. „Man darf einfach keine Angst haben, beim Teilen zu verlieren“, sagt Christoph Schäle. Und so teilen sie, das Land, die Ernte, Hoffnung und Risiko, Spaß und Arbeit und den Glauben daran, dass diese Welt gemeinsam doch noch zu retten ist. III

Karin Grunewald, Diplom-Kauffrau, arbeitet als freie Journalistin und Autorin. Seit 2009 schreibt und fotografiert sie für den Bergischen Boten. Ihre journalistische Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet. Sie wohnt in Rösrath.