Mit der Ente auf der Seidenstraße

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Als ich von meinem Rechercheprojekt für meinen Nachfolgeroman von „Ein Bestatter auf der Flucht“ erzählte, hielten es viele für eine Schnapsidee, die allein wegen des Transportfahrzeugs nicht zu realisieren wäre. Dennoch hatte ich im letzten Kapitel meines Romans die Hauptfigur Ulrich Schwartz mit einem Citroen 2CV auf die Seidenstraße geschickt. Wenn meine Buchserie jetzt nicht enden sollte, müsste ich – wie Karl May – das Folgebuch mit reiner Phantasie ausfüllen. Das ist aber nicht die Art meines Schreibens. Ich liebe es, Realität und Fiktion miteinander zu verweben, bis niemand mehr erkennt, was Wirklichkeit und Phantasie ist.

So habe ich mir eine Acadiane, das Nachfolgemodell der Kasten-Ente zugelegt, sie ausgebaut und für die Seidenstraße fahrtüchtig gemacht. Mittlerweile habe ich 8000 Kilometer hinter mir, und es ist an der Zeit, die Etappen meiner Reise nach Indien Revue passieren zu lassen. Vom Bergischen Land fuhr ich mit der Ente zunächst über Berlin, Dresden, Prag nach Slowenien. 2Ist das die Seidenstraße?“, werden Sie fragen und denken vermutlich an die Route von Marco Polo, die er 1273/74 für seine Reise nach China nutzte.

Die Seidenstraße ist ein riesiges Netz von Wegen und Straßen, welches das Mittelmeer mit dem weiten asiatischen Kontinent verbindet. Es ist überliefert, dass Händler Waren aus dem Orient unter anderem  nach Venedig transportiert hatten. Damit hätte ich in Slowenien die Seidenstraße erreicht. Natürlich wollte ich mich nicht von bereits definierten Straßen abhängig machen, sondern meinen eigenen 2CV-tauglichen Weg finden. Aus diesem Grund entschied ich mich, Kroatien per Insel-Hopping zu bereisen. Meine Kinder haben mir einen Kompass geschenkt. In Europa hatte ich die Landkarte weitestgehend im Kopf. Alles andere habe ich erfragt.

Vom Mittelmeer wendete ich mich Richtung Osten und mutete der Ente eine Fahrt durch das Biokovo-Gebirge nach Bosnien-Herzegowina zu. Etwa in Höhe der „Stari Most“, der alten Brücke in Mostar, zeigte der Kilometerzähler, dass ich bereits 3000 Kilometer unterwegs war. Es ging weiter nach Montenegro, wo ich wegen Krankheit eine Woche Reisepause machen musste. Was für eine Überraschung! An der albanischen Grenze schaute ich in den Rückspiegel und entdeckte mehrere Enten in der Autoschlange hinter mir. Auf der gesamten Reise war mir bisher kein Citroen 2CV begegnet. Gemeinsam reisten wir in Kolonnenfahrt nach Tirana. In den Straßen der albanischen Hauptstadt erwartete uns ein Chaos. Zweispurige Straßen wurden vierspurig befahren. Moderne Limousinen, Pferdefuhrwerke und Mopeds konkurrierten um ein Fortkommen. Dazu gesellten sich wilde Hunde, die mitten auf der Fahrbahn schliefen, und Straßenhändler, die an die Autoscheiben klopften. Die Franzosen flüchteten, ich blieb in der Millionenstadt.

Nach zwei Tagen Hauptstadt reiste ich in die Bergregion Diber ein. Sie liegt an der mazedonischen Grenze mit Höhenzügen von bis zu 2300 Metern. Die Fahrt dorthin war abenteuerlich. Es ging über Geröll- und Schlammpisten in eine Gegend, die mir unbewohnbar schien. Es war eine Zickzackfahrt von Berg zu Berg, über marode Flussbrücken und durch Täler. Ich verlor jegliche Orientierung. Bei Raki und Ziegenkäse lernte ich Albaner kennen, die diese Berge noch nie verlassen hatten. Ich zog über mehrere Gehöfte und begegnete sympathischen Menschen, die in einer Einsamkeit zu Hause waren, die ich bisher so nicht erlebt hatte.

Die Griechen hatten es sicherlich schwer, mit der Gastfreundlichkeit der Albaner zu konkurrieren. Aber musste es sein, dass sie mich auf der Straße ignorierten, wenn ich nach dem Weg oder einer Taverne fragte? In Kavala ließ ich mich auf einem Campingplatz nieder, der nur von Griechen besucht wurde. Selbst beim Geschirrwaschen, der kommunikativsten Tätigkeit am Campingplatz, war kein Gespräch möglich. In Alexandroupolis wurde es besser. Etwa 40 Kilometer vor der türkischen Grenze traf ich auf eine andere Mentalität und offenere Menschen. Ich war stolz auf mich und meine Kasten-Ente, als ich den Bosporus über die Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke überquerte, die den europäischen Kontinent mit dem asiatischen verbindet. Zwölf europäische Länder mit vielen Begegnungen lagen hinter mir.

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Am 4. September 2014, 15.30 Uhr startete Rainer M. Sowa in Bergisch Gladbach zur großen Fahrt.

Am 4. September 2014, 15.30 Uhr startete Rainer M. Sowa in Bergisch Gladbach zur großen Fahrt.

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